Tagblatt Online, 23. Dezember 2009 01:02:02
Sehet! Die 23. Kerze brennt.
(Bild: Bild: Urs Anderegg)
Noch einmal schlafen bis Heiligabend, bis zum Christkind, bis zu den Geschenken unter dem Baum, bis zu den leuchtenden Augen und bis zu 24 brennenden Kerzen. Der St. Galler Fotograf hat sich den leisen, dem ruhenden Auge zugeneigten Bildstoffen verschrieben. Ungewöhnliche Ausschnitte von Stadtansichten – von den nah herangezoomten «Kuhlen» der Filzpantoffeln in der Stiftsbibliothek bis zum roten Teppich – lassen uns staunenden Blickes die Stadt und ihre Besonderheiten neu sehen, neu entdecken.
Festgehalten und auf spielerische Weise neu geordnet hat er seine Bilderserien nicht nur auf Postkarten, sondern auch mit dem von ihm erfundenen und vertriebenen Memory-Spiel «sunGallen».
Gleiche und ähnliche Motive wie in dem unterhaltenden Spiel finden sich im vor kurzem auch im Netz aufgeschalteten Online-Merk- und -Gedächtnisspiel «ent-decke St. Gallen».
Mit Motiven von Urs Anderegg lässt sich das vom deutschen Arzt Georg Frevel entwickelte Spiel gegen einen virtuellen Gegner oder gegen sich selber spielen. Urs Anderegg ist ausgebildeter Lehrer mit einem Zusatzstudium in Pädagogik und Psychologie und dort mit dem Schwerpunkt Begabungsförderung. Seine persönliche Begabung für die Fotografie entdeckte er in Form eines verlorengegangenen Fotoapparates.
Als Bub hatte er einen auf einem Engadiner Schneefeld gefunden, ins Fundbüro getragen und dort, weil ihn niemand abholte, nach einem Jahr wieder zurückerhalten. Den noch eingespannten Film liess er entwickeln; auf den Abzügen sah er Menschen, die er nicht kannte. Die Bilder hat er heute noch, wer weiss, wozu sie dereinst noch zu gebrauchen wären. Der Fotoapparat hingegen hatte danach den Geist aufgegeben.
Ein Sammler seit Kindsbeinen. Ein Späher, wie seine Mutter ihn nannte. Am liebsten hätte sie ihren Sohn «Sperber» genannt, erzählt er, weil er immer irgendetwas entdeckt, gefunden, aufgelesen und heimgetragen habe. Sammelgut und im Zusammenhang mit seinem zum Beruf gewordenen Hobby: Sichtgut. Gewisse Stimmungen gebe es nur ein einziges Mal für ganz kurze Augenblicke.
Um diese vor die Linse zu bekommen, tue er vieles, steige zu jeder Nachtzeit aus dem Bett, warte beharrlich, suche ungewöhnliche Perspektiven, beobachte den Wechsel des Lichts, mache sich St. Gallens Tal- und Hügeltopographie zunutze. «Das Kleine im Grossen sehen» sei seine Intension, und tatsächlich wirken Urs Andereggs Bildmotive so, als sähe man Teile der Stadt zum ersten Mal. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln fotografiert, liest man die Gesetze von Licht, Gegenlicht, Brechung, Spiegelung. Ein leicht ins Bild gerückter schwebender Balkon mit aufgespanntem Sonnenschirm auf der Höhe der Kuppeln der Kathedrale. Das pyramidenförmige, wie ein Kristall in die Nacht steigende Glasdach der Uni-Bibliothek; eine über der Stadt durch die Luft schwingende Kinderschaukel, die buchstäblich vom Himmel her zur Erde fliegt. Brigitte Schmid-Gugler
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