Tagblatt Online, 18. August 2008 01:05:30
Prager Frühling und Eiszeit
Die Vadiana zeigt Bücher und andere Dokumente aus der Bibliothek von Felix Philipp Ingold
Felix Philipp Ingold vor dem Protestplakat «Ist das Heldentum?». (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
Genau vor vierzig Jahren wurde der «Prager Frühling» gewaltsam beendet. Der Slawist Felix Philipp Ingold war damals in Prag. Dokumente aus seiner Sammlung zeigt die Vadiana in ihrer neuen Ausstellung.
Peter Surber
Am 16. August fällt das Politbüro in Moskau den Entscheid, den Reformkurs der Genossen in Prag gewaltsam zu beenden, am 20. August rollen Panzer in Prag ein.
Genau 40 Jahre ist das her – aber noch in lebhaftester Erinnerung: Den Eindruck machte jedenfalls die Vernissage zur Ausstellung. Der Saal konnte das Publikum kaum fassen, darunter zahlreiche Exiltschechinnen und -tschechen wie die mit Ehrerbietung begrüsste Witwe von Ota Sik, Lily Sik. In einer Vitrine befinden sich Siks Erinnerungen, unter dem Titel «Prager Frühlingserwachen» 1988 erschienen. Ota Sik, nachmals HSG-Professor, war einer der prominenten Reformer, die nach dem Einmarsch der Sowjets in Ungnade fielen.
Auf Schritt und Tritt
Felix Philipp Ingold hat die Ereignisse ebenfalls aus nächster Nähe erlebt. Eine Umbruchzeit war Achtundsechzig nicht nur politisch, sondern für ihn auch persönlich. Der spätere HSG-Professor hatte eben in Basel doktoriert, Paris im Aufruhr gesehen – und berichtete jetzt für verschiedene Schweizer Zeitungen aus Osteuropa: Polen, Russland und vor allem der Tschechoslowakei. Vom Frühling 1968 bis 1971 war Ingold mit Unterbrüchen im Land.
Heute sei er in einem Alter, da man unversehens als «Zeitzeuge» zu taugen beginne, sagt Ingold selbstironisch – und belegt anschliessend seine Zeugenschaft mit farbigen Anekdoten. Unter anderem mit der Geschichte vom Fichenwesen Prager Art: Ingold fährt im Winter 1969, sein Prag-Stipendium ist zu Ende, mit dem Auto Richtung Grenze, auf der Gegenfahrbahn rollen plötzlich Sowjetpanzer, vor ihm taucht ein Radfahrer auf, er bremst, schleudert, kollidiert – und verlängert so nicht nur unfreiwillig seinen Aufenthalt im Land, sondern erfährt bei der Einvernahme durch die Geheimpolizei auch, dass man ihn auf Schritt und Tritt observiert und all seine Bewegungen im Land minutiös verzeichnet hatte.
Blühendes Kulturleben
Was die Bücher und Fotos aus Ingolds Bohemica-Sammlung in der Vadiana dokumentieren, ist allerdings weniger die Katastrophe der Besatzung als vielmehr die reichhaltige Buchproduktion in den Jahren davor, aber auch während der «Normalisierung» genannten politischen «Eiszeit».
Ingold verkehrte mit Vaclav Havel, Pavel Kohout, Jaroslav Seifert, Ludvik und Milan Kundera und zahllosen hier weniger bekannten Autoren und Künstlern. Erstdrucke mit Widmungen künden in den Vitrinen von dieser intensiven Liaison. Herausragend war die Verbindung zu Jan Skacel, dem böhmischen Lyriker, den Ingold übersetzte, lange bevor er auch im Westen zu Ruhm kam.
Es gibt auch Schweizer Bezüge: So erregte, wie der Katalog zur Ausstellung berichtet, 1968 eine Inszenierung von Dürrenmatts «Wiedertäufern» in Prag Aufsehen. Zurück in Basel organisierte Dürrenmatt einen Protestanlass mit Reden von Grass, Frisch, Bichsel und Kurt Marti, die der Arche Verlag in einem legendär gewordenen braunen Büchlein publizierte – (wieder-)lesenswert.
An den Rand gedrängt
An den Wänden zeugen Plakat-Reproduktionen von der blühenden tschechischen Grafiktradition. Eines der Plakate ist anonym, es zeigt ein übermächtiges bewaffnetes Russland, das auf das kleine Mädchen namens Tschechoslowakei zielt. Darüber die Frage: «Ist das Heldentum?»
Petr Chudozilov ist einer, der sein ganz persönliches, schmerzhaftes Heldentum erlitten hat. Der Autor und Redaktor der «Literární noviny» verlor nach 1968 Arbeit und bürgerliche Freiheiten und führte mit seiner Familie bis zu seiner Emigration in die Schweiz 1982 ein Dissidenten-Leben mit kaum vorstellbaren Einschränkungen. An der Vernissage las Chudozilov aus seinen Erinnerungen «Das Wirtschaftswunder und der Duft des Sauerkrauts» – eine bei aller Tragik umwerfende Humoreske mit jenem Schwejk'schen Witz, wie ihn nur die Tschechen beherrschen.
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