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Tagblatt Online
10. September 2008, 01:05 Uhr

Neues Leben am ersten Pult

Chouchane Siranossian spielt seit wenigen Tagen als Konzertmeisterin im Sinfonieorchester St. Gallen

Agiert zwischen Dirigent und Orchester: Konzertmeisterin Chouchane Siranossian. Zoom

Agiert zwischen Dirigent und Orchester: Konzertmeisterin Chouchane Siranossian. (Bild: Bild: Michel Canonica)

St. Gallen. Die Violinistin Chouchane Siranossian ist mit 24 Jahren die Jüngste im Orchester und muss Überdurchschnittliches leisten. Die Provenzalin sagt, mit dieser Stelle habe sie sich einen Wunsch erfüllt.

philippe reichen

Der Zeitpunkt als neue Konzertmeisterin nach St. Gallen zu kommen, hätte nicht besser sein können. Rund um das Sinfonieorchester ist der Kulturwandel ist vollem Gang: Ein neuer Chefdirigent und ein neuer Kapellmeister dirigieren das Orchester, ein neuer Operndirektor drückt dem Spielplan seinen Stempel auf und bringt neues Personal in die Gallusstadt. Die Tonhalle öffnet und belebt sich. Chouchane Siranossian kennt den Status antes nicht, über den Status quo aber sagt sie: «Das ist genau die Stelle, die ich mir gewünscht habe.» Das bedeutet: Teil eines Berufsorchesters zu sein, ein breites Repertoire kennenzulernen, im Orchestergraben Opern zu spielen und auf der Konzertbühne sinfonische Werke aufzuführen. Seit sie in St. Gallen ist und arbeitet, bringt fast jeder Moment etwas Neues in ihr Leben. Und wenn nicht, dann sorgt sie selbst dafür.

Unterricht bis drei Uhr morgens

Mit drei Jahren begann die Tochter eines Dirigenten und einer Mutter, die sich nach ihrer Zeit als Hausfrau zum Sommelier ausbilden liess und heute als Weinexpertin quer über den Globus reist, Geige zu spielen. Die Familie Siranossian wohnte in Lyon in der Provence. Es drehte sich vieles, aber nicht alles um Musik. Der Vater organisiert für den in der Schweiz lebenden und lehrenden Geiger Tibor Varga jedes Jahr einen Meisterkurs. Das Haus der Siranossians wurde in dieser Zeit zur Studentenherberge und Tibor Varga zum Lehrer und Übervater Chouchanes. Mit 14 Jahren reiste sie regelmässig nach Sion, wo Varga an einer eigenen Akademie unterrichtete. Nach dessen Tod begannen turbulente Jahre. Die franko-armenische Doppelbürgerin studierte in Italien, Lyon, Amsterdam und landete schliesslich bei Zakhar Bron an der Musikhochschule Zürich, jenem Lehrer also, dem der Ruf vorauseilt, etwas zwischen einem Psychopathen und pädagogischen Halbgott zu sein. Vadim Repin und Maxim Vengorov waren seine vielleicht bekanntesten Schüler, und Chouchane Siranossian lernte einmal mehr, aus Angst Motivation zu schöpfen, Disziplin über alles zu stellen und flexibel genug zu sein, um bis drei Uhr morgens Geigenunterricht zu haben. Diese Jahre haben sie geprägt. Ein Freund empfahl ihr schliesslich für die Konzertmeisterstelle in St. Gallen vorzuspielen.

Oistrach, Churchill und Platon

Konzertmeister haben keine einfach Aufgabe. Sie sind ungefähr das, was man einen Diener zweier Herren nennt. Sie sollten mit dem Dirigenten gut harmonieren, seine Ideen verstehen und als Impulse ins Orchester weitergeben; sie müssen die Gruppe erster Violinen führen und von ihrem Platz aus das Orchester einen, als gutes Beispiel vorangehen, geigerisch eine gewisse Brillanz und dabei erst noch Persönlichkeit ausstrahlen und das nötige Rückgrat haben, um bei Konflikten vermitteln und wenn nötig auch mal ein Machtwort sprechen zu können. Das klingt nach David Oistrach, Winston Churchill und Platon in einem, ganz sicher aber nach Ansprüchen, zwischen denen man durchaus zerrieben werden kann. Chouchane Siranossian sagt, sie sei mit solchen Aufgaben gross geworden, schliesslich habe sie im Orchester ihres Vaters und bis vor kurzem im Orchester der Musikhochschule Zürich als Konzertmeisterin gespielt.

Hohe Ansprüche

Zwischen der ersten Stellenausschreibung und der Wahl Chouchane Siranossians vergingen Monate. Die Stelle war in einschlägigen Fachmagazinen fast als Dauerinserat gebucht. Am Ende schien es so, als wäre es einfacher gewesen, einen neuen Chefdirigenten zu finden, als die Konzertmeisterstelle neu zu besetzen. Die Probespielkommission kam während Monaten immer wieder zusammen, an Interessenten mangelte es nie. Es wurden Leute ausgewählt, in Konzerten eingesetzt, aber die Erwartungen gleichzeitig in Zement gegossen. Warum war das so? Ein Musiker zuckt mit den Schultern. Er hätte mit der Besetzung wohl nicht so lange zugewartet. Aber nun habe man jemanden gefunden, und das sei gut so.

Die Musik ist das eine, ihre Hobbies das andere, das Chouchane Siranossians Leben ausfüllt. Sie liebt das Bergsteigen. Auf den Säntis ist sie schon zweimal geklettert und hat das Alpsteinmassiv besichtigt. Es ist also zu erwarten, dass die Konzertmeisterin neben musikalischen bald noch andere Gipfel erklimmt.



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toles-gera (18. Januar 2009, 13:05)
5. Tonhallenkonzert am 8. Januar 2009

Mein Aufenthalt in der Schweiz führte mich natürlich auch nach St.Gallen. Die Anreise war etwas beschwerlich und von der Stadt selbst konnte ich mir nicht viel anschauen. Ich wurde aber durch das Konzert vollauf für das Verpasste entschädigt.
Vergleichbares, etwas so wundervolles, zu erleben, war mir bisher versagt geblieben.

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