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Tagblatt Online, 19. August 2008 01:05:28

Mörderische Lockerungsübungen

Ein Gespräch mit Isabel Rohner über ihren ersten Krimi: «KunstmörderIn»

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Uni-Dozentin und Krimiautorin – kein Widerspruch für Isabel Rohner. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

ST.GALLEN. Isabel Rohner, in St. Gallen aufgewachsen, ging als Studentin nach Köln – und ist geblieben. Auf Besuch in der alten Heimat hat sie ihren Erstling im Gepäck: einen anspielungsreichen Krimi.

Eva Bachmann

Was für eine Person würde wohl zum Treffen kommen? Der erste Satz des Buchs ist Trash: «Das letzte, was Bernd Matuschek sah, bevor sich die Kugel über dem rechten Auge in seinen haarlosen Kopf bohrte, war der rote Feuerball der Sonne, der den verlassenen Schrottplatz in ein blutiges Licht tauchte.» Ein paar Seiten später plötzlich hohe Literatur, kursiv gesetzt: «Was hab ich Ungeheures denn getan? Des Himmels Gesalbten angetastet? Fürchte nichts. Ich lege keine Hand an ihn.»

Würde eine aufgedrehte Jungautorin (Jahrgang 1979) erscheinen – oder eine belesene Brillenschlange? Isabel Rohner hat über Hedwig Dohm doktoriert, gibt deren Werke heraus und lehrt an den Universitäten von Giessen und Koblenz Themen wie «Einführung in die Gender Studies» oder «Das bürgerliche Trauerspiel». Sie kommt mit beidem: mit Brille, und mit einem breiten Lachen.

«Andere treiben Sport»

«Ich sass über der Doktorarbeit und hatte einen intellektuellen Knoten im Kopf», erzählt Rohner. Zur Abwechslung versuchte sie es mit einer anderen Textsorte, in der sie ihren Humor und ihre Ironie ausleben konnte. «Andere treiben Sport», meint sie trocken. Krimi als Lockerungsübung hat funktioniert. Drei Jahre später waren die Dissertation und der Krimi «KunstmörderIn» fertig. Ein Detail verbindet sie: Die Figur Christa Ruland kommt bei Hedwig Dohm und bei den Kunstmördern vor.

Hedwig Dohm (1831–1919) war eine ebenso scharfsinnige Essayistin wie scharfzüngige Ironikerin. Literatur steht neben Journalismus, politisches Engagement neben Unterhaltung. «Diese Vielseitigkeit ist ein Vorbild», sagt Rohner. Für sich selbst sucht sie stets möglichst vielseitige Arbeitsfelder an der Uni, im eigenen Schreiben, als Regieassistentin am Theater – und nach dem dritten und vierten Mal «vielseitig» schiebt sie nach: «ein Lieblingswort».

Überhaupt ist ihr Krimi mit Literatur durchtränkt. Die Hauptfigur Linn Kegel, eine in Köln lebende Schweizerin, ist Schriftstellerin. Nach dem Bestseller «Weiberherz» muss dringend ein zweiter Roman her, doch sie ist blockiert. Der Verleger droht, eine andere unter Vertrag zu nehmen: Coppelia heisst sie, das kann ja nur eine Puppe sein… Zudem gibt es immer wieder Einschübe mit Mordszenen aus der deutschen Literatur quer durch die Jahrhunderte. Oder es tauchen Möchtegern-Schauspielerinnen auf, die behaupten, Ophelia in «Macbeth» gespielt zu haben. So mordet eben jeder seine Kunst, daher der Titel. Tätlich ermordet wird Gabriele Piller, Chefin des Bereichs «TV und Film national» in der Künstleragentur Ars artis. Linn hat dort ab und zu ausgeholfen und gerät mitten in den Fall hinein.

Frauenfiguren mit Charakter

«Nette Menschen werden nicht umgebracht», meint Kommissar Walter Bucher lakonisch. Dass Piller gemobbt hat, wissen alle. Doch im Lauf des Buchs wird ein System von Erpressung und sexueller Ausbeutung aufgedeckt. Die Hauptrollen gehören dabei den Frauen. Die beste Freundin ist eine wichtige Rolle, dann gibt es die Unbedarfte und die Hörige, die Tussi und die Mutterglucke. Aber es gibt auch die geradezu bösartigen weiblichen Machtmenschen, die über Leichen gehen – selbst wenn sie sie nicht selber umgebracht haben. Und schliesslich gibt es die «Künstlerinnen», die unbedingt den grossen Durchbruch feiern möchten und sich dafür jedem noch so seifenopernhaften Klischee anpassen. «Dafür gibt es bei Castingshows mehr als genug Anschauungsmaterial», sagt Isabel Rohner.

Schwarzer Humor

«Intelligent schreiben», das ist der Kunstanspruch, den Isabel Rohner für sich selbst erhebt. Uni-Dozentin und Krimi-Autorin sei darum kein Widerspruch. «Es macht Spass, das Genre zu durchbrechen, mit Stimmungen zu arbeiten, Verdachtsmomente aufzubauen und zu zerstören.» Manche Professoren benutzen für ihre literarischen Arbeiten ein Pseudonym. «Das finde ich langweilig», sagt Rohner geradeheraus. «Ich will keinem Bild entsprechen müssen.» Für sie sind die Wissenschaft und die Literatur zwei Seiten derselben Person. «Das Schwarzhumorige gehört eben auch zu mir.» Im Krimi bekommt es seinen Platz.

Der zweite Krimi soll noch schwärzer werden, verspricht sie. Er ist bereits in Arbeit. Wieder dabei sind Linn Kegel und ihre schrullige Freundin Bettina. Wohin es Isabel Rohner in Zukunft führen wird, weiss sie noch nicht. «Wie wär's mit einer Uni-Professur für Frauengeschichte und Kriminalliteratur?», lacht sie keck. Ein Jahr wollte sie eigentlich in Köln bleiben, inzwischen sind es acht. Das Schicksal pflegt eben nicht nur in der Literatur zuzuschlagen. Aber Isabel Rohner nimmt es mit Humor.

Isabel Rohner: KunstmörderIn. Trafo-Verlag, Berlin 2008, Euro 11.80 www.isabelrohner.com




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