Tagblatt Online, 21. November 2008 01:00:33
Gebeutelt in Ephesus
«Wie es scheint, so ist es nicht.» Martin Maurer (l.) und Erich Furrer in Shakespeares «Die Komödie der Irrungen». (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
Mit viel Schalk hat Erich Furrer für seine «Operation Shakespeare» die «Komödie der Irrungen» zu einem Zweipersonenstück umgeschrieben – und lässt Schlampen aus Ephesus falsch parkieren und im Aldi shoppen.
JOnathan fisch
st. gallen. Wenn, kurz bevor das Licht ausgeht, Matthias Hüppi und Melanie Winiger gemeinsam ausgehen und Göla mit Beni Thurnheer liiert ist, kann kaum von einem konventionellen Ende eines Shakespeare-Stücks gesprochen werden. Was Schauspieler, Autor und Regisseur Erich Furrer mit Bühnenpartner Martin Maurer in seiner Inszenierung von «Die Komödie der Irrungen» wagt, grenzt denn auch eher an eine Comedy-Show als an gepflegtes Schauspiel. Ohne dies negativ behaften zu wollen – im Gegenteil. Während einer knappen Stunde zeigen die beiden Schauspieler an der Premiere im Keller der Rose ein vereinfachtes, leicht verständliches Shakespeare-Stück, das zugleich den Anspruch an die gepflegte Literatur erfüllt. Furrer gelingt es, mit seiner Fassung Shakespeares Botschaft über weite Strecken unverändert zu transportieren. Was kein leichtes Unterfangen ist, wenn sämtliche Rollen von zwei Personen gespielt werden. Dies verlangt den Schauspielern das höchste Mass an Wachsamkeit ab – zumal sie sich während ihrer Omnipräsenz auf leerer Bühne hinter keinen Vorhang retten können.
Mit femininer Seite
Ein Rettungsanker ist jedoch nicht notwendig. Weder für die Spielenden noch für das Publikum, das trotz der Verwirrung um das eigene Ich dem Verlauf der Verwechslungskomödie locker folgen kann. Furrer und Maurer grenzen die Personen klar voneinander ab und wagen den Sprung in die nächste Rolle mit grossem Vergnügen. Mit plakativer Gestik und überreizten Gefühlen verkörpert Martin Maurer Antipholus' Frau Adriana unweiblich tuntig, räkelt sich und schluchzt gackernd, währenddessen Furrers Augenaufschlag als Adrianas Schwester ebenso mit viel Witz betört. Einzig die gekünstelten Schlüpfer aus den Bühnenfiguren fügen dem Stück keinen Mehrwert bei und erinnern an eine Mehrzweckhallen-Produktion.
Ohne Berührungsängste bedienen sich Furrer und Maurer des Dialektes und so wird das Flittchen Adriana vulgär zur Schlampe, die ihren Offroader falsch parkiert und mit einem Feng-Shui-Tantra-Typen in der Pfanne hockt. Die stellenweise Verfremdung der Handlung lässt auch das Amphitheater in Ephesus durch den Discounter Aldi ersetzen oder ruft Madonna oder eben Gölä und Co. auf den Plan – dann, wenn die verwirrten Antipholus und Dromio aus Syrakus in Ephesus ins Kloster flüchten, wo ihnen ihre leibliche Mutter Zuflucht bietet.
Ehemann küsst Schwägerin
Was sie zu dieser Tat drängt, wird mit ausgewählten Szenen aus Shakespeares angeblich erster Komödie erzählt. Meister Antipholus (Maurer) und sein Diener Dromio (Furrer), beide aus Syrakus, sind auf der Suche nach ihren gleichnamigen Zwillingsbrüdern, von denen sie in jungen Jahren bei einem Schiffsunglück getrennt wurden. Im Hafen von Ephesus finden sie, wonach sie gesucht haben.
Doch zuvor kommt es zu Verwechslungen en masse. So wird der falsche Ehemann von der einen Ehefrau für ihren Ehemann gehalten, während sein Diener zu Unrecht verprügelt wird. Oder: «So wie es scheint, so ist es nicht. Und ist es trotzdem so, wie es scheint, haben Sie's vielleicht nur gemeint», wie die Moral der Geschichte lautet.
Dass Erich Furrer ein ausgeprägtes Sprachgefühl besitzt, bewies er bereits mit seinen Produktionen «Der Sturm» (2007), «Ein Sommernachtstraum» (2006) und «Romeo und Julia» (2005). Der Autor übersetzt jeweils das gesamte Stück vom Englischen ins Deutsche und dichtet die Verse neu. Die aktuelle Verwirrung im Keller der Rose lässt die «Operation Shakespeare» weiter blühen.
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