Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 15. März 2010 01:02:51

Feingeistige Dichterschlacht

Zoom

Slampoet Renato Kaiser nimmt die Samichläuse auf den Arm. (Bild: Bild: Urs Bucher)

Nicht eben den dringlichsten Poetry Slam der letzten Jahre, aber eine feingeistige Dichterschlacht lieferten sich Slammer und Untote am Samstag im ausverkauften Theaterzelt. Dabei hatten die Slammer eher leichtes Spiel.

Michael Hasler

Wer sich am Samstagabend «nur» überpünktlich beim Theaterzelt beim Stadttheater eingefunden hatte, war definitiv zu spät. Bereits 20 Minuten vor dem eigentlichen Beginn hatte die markige Affiche «dead or alive» das plüschige Theaterzelt bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Selbst die klirrende Kälte musste aussen anstehen. 250 Tickets im Vorverkauf und 150 Tickets an der Abendkasse bescherten den Organisatoren ein friedliches, perfekt durchmischtes Full House.

Reizvolle Affiche

Tote Dichter gegen Slampoeten lautet die Übungsanleitung beim mittlerweile zweiten «dead or alive»-Slam. Die Idee ist zwar nicht ganz neu, deshalb aber nicht weniger reizvoll. Bereits 2006 etwa hatte Petra Anders im Lehrmittel «Poetry Slam» Selbiges unter der Spielanleitung «Klassische Formen in neuem Gewand» propagiert.

Durchaus wahrscheinlich, dass Marcus Schäfer, Boglárka Horváth, Nikolaus Benda und Alexandre Pelichet vom Schauspielensemble des Theaters St. Gallen der pädagogische Hintergrund mehr als einerlei gewesen sein dürfte. Und definitiv ohne Hilfestellungen mussten die gestandenen Slampoeten Renato Kaiser, Julian Heun, Julius Fischer und Pedro Lenz auskommen.

Kurz nach neun brandete dem charmant-boshaften Moderatorenduo Etrit Hasler und Richi Küttel die erhofft warme Applaus- und Pfeifwelle entgegen. Der Abend, bei dem sich Tote Dichter mit Slampoeten im Gruppenmodus massen, war lanciert.

Dichter als Titelverteidiger

Etrit Hasler erinnerte bei seiner ekstatischen Eröffnung daran, dass die Dichter den letzten Anlass dieser Art gewonnen hätten und schickte mit Marcus Schäfer aka Heiner Müller den ersten Untoten in die Schlacht.

Schäfer tat vollendet, was auch seine Ensemblekollegen in der Folge taten: Er überführte den klassischen Text in perfektem Duktus und Habitus in eine gelungene Performance.

In der Germanistenkiste

Doch, nicht nur er, auch seine Teammitstreiter hatten sich in der Wahl der literarischen Waffen – da definitiv zu brav – vergriffen. Heiner Müller, Kurt Tucholsky und Georg Büchner fanden den Weg zum Publikum nur bedingt.

Einzig Heinrich von Kleist, performed von Boglárka Horváth, fand den Weg raus aus der Germanistenliteraturkiste und hin zum Mob. Einigermassen leichtes Spiel hatten deshalb die Slammer, obwohl nur gerade Julius Fischer im Theaterzelt wirklich einen Traumlauf hinlegte. Mit 181,7 gegenüber 173,4 Punkten waren es schliesslich die Gegenwartsdichter, die den Gruppenwettkampf überdeutlich für sich entschieden.

Slammer nicht zu schlagen

Der Final, welcher dank eines demokratischen Moduskniffs nebst den beiden Slammern Renato Kaiser und Julius Fischer auch Heinrich von Kleist vorsah, brachte die erhoffte epochale Schlacht. Während Boglárka Horváth mit ihrer griechischen Mythologie am Publikum vorbeischrammte und sich Renato Kaiser in Mundart allzu banal am Samichlaus vertat, führte der Leipziger Julius Fischer seine Reime unbeirrt durch den nächtlichen Battle. Niemand hatte seinem scharfen Actionwriting und seiner irrwitzig rasanten Beatperformance an diesem Abend etwas entgegenzusetzen – und schon gar nicht die literarischen Kämpfer der Vergangenheit.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: