Tagblatt Online, 04. Oktober 2008 01:05:47
Drei rachsüchtige Brüder
Jetzt im Kinok: Jeff Nichols' packendes Début «Shotgun Stories» über drei Brüder und deren perspektivenloses Provinzleben im amerikanischen Süden ist unerbittlich wie eine griechische Tragödie.
Wortkarg. Statt Probleme anzusprechen, wird im Film «Shotgun Stories» geschwiegen – und mit Rache geantwortet. (Bild: Bild: pd)
Walter Gaspari
ST.GALLEN. Ausser dem gemeinsamen Vater verbindet nur Hass drei Brüder, die in der endlosen Weite von Arkansas leben, mit ihren vier Halbbrüdern. Jeff Nichols entwickelt aus dieser Konstellation eine aufs Wesentliche reduzierte Tragödie von archaischer Wucht.
Ein Baumwollfeld im Vordergrund und ein endloser Himmel darüber. Die Landschaft im amerikanischen Süden ist weit und trostlos. Zwischen diesen Weiten gibt es ein anonymes Kaff mit uniformen Allerweltsbauten. Unmissverständlich macht Jeff Nichols deutlich, dass Landschaft und soziales Umfeld die Menschen prägen. Menschliche Wärme und Nähe scheint es hier nicht zu geben. Dafür Härte und Hass.
Was man hier mitmachen muss, zeigt schon die erste Einstellung, die den von Schusswunden übersäten nackten Oberkörper Sons (Michael Shannon) zeigt. Wie es dazu gekommen ist, wird nie genau erklärt, nur Andeutungen werden gemacht. Geprägt und hart gemacht hat den rund 35jährigen Mann dieses Erlebnis aber offensichtlich.
Ein Leben ohne Perspektive
Seine Frau hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn wieder einmal verlassen, weil er von seiner Spielsucht nicht lassen kann. Sein Bruder Kid (Barlow Jacobs) kann folglich wieder vom Zelt im Garten ins zugemüllte Haus ziehen, in dem mit Boy (Douglas Ligon) zeitweise auch der dritte Bruder wohnt. Hier denkt man nicht an die Zukunft, sondern dümpelt nur ohne Perspektive und Visionen vor sich hin. Als die Mutter die Nachricht vom Tod des Vaters überbringt, gehen die drei Brüder zur Beerdigung – aber nur, um vor den Augen ihrer vier Halbbrüder aufs Grab des gemeinsamen Vaters zu spucken.
Haben Son, Kid und Boy – schon die Beliebigkeit ihrer Namen vermittelt die Lieblosigkeit, mit der sie geboren und erzogen wurden – den Vater nämlich als aggressiven Trinker erlebt, der seine Frau mit den drei Kindern einfach sitzengelassen hat, so wird nun ein ehrbarer Angehöriger einer Pfarrgemeinde und liebevoller Familienvater begraben.
Hass als Resultat
Die Beleidigung auf dem Grab schreit folglich geradezu nach Rache und so löst ein Steinchen das andere aus und es entwickelt sich eine Spirale der Gewalt, die zur Selbstvernichtung beider Zweige der Familie zu führen droht.
Ruhig, aber in seiner Lakonie und Stringenz intensiv erzählt Jeff Nichols. Unerbittlich entwickelt sich die Geschichte, wie in einer griechischen Tragödie scheint kein Ausweg möglich und fast zwangsläufig ergibt sich aus einer Aktion eine bestimmte Reaktion. Erklärt wird hier so wenig wie ausgesprochen. Statt miteinander zu reden, handeln die wortkargen Protagonisten. Der Hass ist einfach da, Resultat einer tristen Kindheit, in der er den Brüdern von der verbitterten Mutter eingeimpft wurde. Gefangen sind die Figuren in ihren Gefühlen und die zahlreichen Grossaufnahmen und die Innenräume, deren Enge durch das Cinemascope-Format noch verstärkt wird und die im Kontrast zu den Landschaftstotalen stehen, die freilich keine Freiheit versprechen, aber dem Film einen epischem Atem verleihen, verstärken dieses Gefühl des emotionalen Korsetts noch.
Kraftvolle Bildsprache
Auf Schnörkel, Schick und Glamour verzichtet der 30jährige Debütant. Er vertraut neben der ebenso präzisen wie kraftvollen Bildsprache auf die in ihrer Natürlichkeit eindringlichen Darsteller, auf knappe Dialoge und authentische Sprache. Mehr als die Gewaltakte interessieren Nichols die Gefühle, die Auslotung eines geradezu biblischen Kreislaufs von Hass und Gewalt, der scheinbar nicht beendet werden kann.
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