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Tagblatt Online, 01. Juli 2009 01:01:50

Der Kunst-Fräser

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Unterstützung von oben: Adi Grüniger, Mitarbeiter der Kunstgiesserei, fräst mit dem neu angeschafften Roboter durch Styropor. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

Die Kunstgiesserei Sitterwerk hat eine gigantische Maschine angeschafft. Sie nimmt Arbeit ab – und beschert neue. Morgen wird der in Osnabrück gekaufte fünfachsige Fräsroboter in Engelburg vorgestellt.

Ursula Badrutt Schoch

Brocken von Styropor warten auf ihre Verarbeitung. Wo sich der Schneidkopf des Roboters durchfräst, blieben Unmengen des luftigen Materials lose liegen. Darunter verbergen sich hochpräzise Oberflächen, dirigiert von computerisierten Schneidplänen.

Anschaffung für Grossauftrag

Eine Werkzeugfabrik in Osnabrück konnte die Dienste des fünfachsigen Fräsroboters nicht optimal nutzen, weshalb der Koloss nach nur vier Jahren abgestossen wurde. Das war die Chance für Felix Lehner und das Team vom Sitterwerk.

Sie hatten soeben einen Grossauftrag einer Zürcher Galeristin entgegengenommen und sollten in Windeseile sechs zehn Meter hohe Skulpturen von Urs Fischer herstellen.

Was dies bedeutet, welcher Zeit- und Kraftaufwand damit verbunden ist, wussten sie bereits von der Herstellung des Gross-Teddys desselben Künstlers. Damals zogen sie auswärtige Hilfe bei, konnten aber nur in vielen kleinen Einzelstücken arbeiten.

Dasselbe Gestückel dann, als sie Fischers in der Hand zerquetschte Tonmasse in gut drei Meter hohe Skulpturen umwandeln und giessen durften.

Damals intensivierten die Leute vom Sitterwerk ihr Liebäugeln mit den neusten digitalen Methoden in der Kunst, mit Stereolithographie und 3D-Scannern.

Forschen für Engelburg

Jetzt ist die Kunstgiesserei Besitzerin des Roboters. Im nahen Engelburg hat sie kurzerhand ein Fräszentrum eingerichtet. In den letzten Monaten wurde geübt.

Denn die drei in Europa im Einsatz stehenden vergleichbaren Fräsmaschinen sind Bearbeitungen in industriellen Bereichen zwar gewohnt, fräsen Schiffbäuche, Propellerflügel für Windkraftwerke oder ganze Autos. Die Anforderungen künstlerischer Arbeiten aber bedurften einiger Recherchen und Entwicklungen. So musste beispielsweise die passende Software eruiert und adaptiert werden.

Wie kann die Vorlage eines Künstlers derart vergrössert werden, dass – im Falle des Faustdruckes von Urs Fischer – die Fingerabdrücke lesbar bleiben? Fündig wurden die Giesser bei Programmen, wie sie für Animationsfilme und in der Zahntechnologie verwendet werden. In einer Kombination von Computertomographie und hochauflösbaren Scan-Daten können jetzt auch Hohlräume und Hinterschneidungen lesbar gemacht und Oberflächeninformationen feinnervig übertragen werden.

Unterdessen sind zwar die Tempowünsche der Galerie Presenhuber von der um sich greifenden Wirtschaftskrise gedrosselt; von den projektierten sechs Monsterskulpturen wird erst einmal eine umgesetzt. Allein die Arbeit an einem einzelnen 1:1-Modell dauert ein paar Monate – auch mit dem Hochgeschwindigkeitsroboter; anschliessend wird in China in der St. Galler Giessereifiliale gegossen, um in einem weiteren Schritt, wiederum in St. Gallen, dem Werk den Feinschliff zu geben.

Grosse Nachfrage erwartet

Felix Lehner ist von der weitreichenden Begehrtheit seines neuen digitalen Mitarbeiters überzeugt: «Interessante Anwendungsbereiche dürften sich auch im Umfeld von Architektur, etwa dem Schalenbau, oder im Industriedesign ergeben.» Erst kürzlich ist die Kunstgiesserei für ihre Innovationsbestrebungen mit dem 3. Rang des KMU Primus der St. Galler Kantonalbank ausgezeichnet worden.





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