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Tagblatt Online, 14. Dezember 2009 01:04:19

Der Intoleranz ein Schnippchen

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«Passwort Burka»: Der ägyptische Künstler Mohamed Taman mit dem grafisch bearbeiteten Plakat. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

Der aus Kairo stammende Künstler Mohamed Taman ist für drei Monate Gast in der Kunsthalle St. Gallen. Seine Ankunft hier fiel just in die hitzige Debatte um die Initiative zum Minarettverbot. Er klinkte sich ein.

Brigitte Schmid-gugler

Der Mann hat Humor. Und Mut. Sonst hätte er nicht getan, was er tat. Auf frischer Tat ertappt wurde er, als er nachts um drei Uhr, schwarz gekleidet und den Kopf verhüllt wie eine weibliche Burka-Trägerin, sein Plakat an eine Wand klebte. Ein Künstlerfreund hielt die Videokamera auf ihn gerichtet, als er auf eine Mauer kletterte, sein Plakat ausrollte, an die Wand peppte und… ja… und sich plötzlich von drei Polizeiautos eingekeilt sah.

«Es waren bange Augenblicke», erzählt Mohamed Taman, «meinem Begleiter, ebenfalls ein ägyptischer Künstler, wurde das Filmen der Szene verboten, unsere Ausweise wurden überprüft, und ich wurde dazu aufgefordert, das Plakat sofort zu entfernen.» Man verzichtete darauf, den Künstler zu büssen, verwies ihn jedoch auf die Illegalität seiner Absicht, bereits gemietete Werbeflächen zu überkleben, und zwar auch dann, wenn er seine Plakate nur an Orten plazierte, wo die Originale bereits zerstört worden waren.

Die Konfrontation mit der Polizei habe sich erst entspannt, als er die Gelegenheit bekam, von seinem Projekt zu erzählen, dessen Hintergrund ihn ganz unverhofft in der Schweiz eingeholt hatte.

Werben für Toleranz

Kaum war er Anfang Oktober hier eingetroffen, gingen sie los, die Kampagne, die Parolen, die Diskussionen, deren Hintergrund und Absicht man dem Ägypter übersetzte. «Ich war schockiert!», gesteht Mohamed Taman, «ich fühlte mich, als wäre ich in eine Falle geraten.

» Als politisch denkender und agierender Künstler und mehrfacher Preisträger habe er versucht, etwas über die Gründe dieser aggressiven Abwehrhaltung zu erfahren. «Ich sprach Leute in Cafés und auf der Strasse an und fragte sie zu ihrer Meinung. Die meisten entschuldigten sich für das Plakat, es war ihnen peinlich.» Doch er hörte auch von Angst und von Vorurteilen, «und ich musste einsehen, dass nur aufgrund des Unwissens so viele negative Gefühle gegen Andersdenkende aufkommen können».

Zusätzlich zu seinen im Vorfeld geplanten Projekten, die er hier realisieren wollte, entwarf er also sein Anti-Rassismus–Plakat und veränderte auf dem Hintergrund des Originals die negativ besetzten Symbole durch Begriffe einer weltumspannenden Entwicklung in Wissenschaft, Technologie und Zivilgesellschaften. Die nächtliche Aktion des Künstlers, der auf Einladung von Pro Helvetia in der Schweiz weilt, sollte mit einem Augenzwinkern die Aussage des Originals ins Gegenteil verkehren.

Ein einseitig vermitteltes Bild führe vielleicht tatsächlich dazu, dass Menschen zu Bösewichten und Sündenböcken gestempelt und dementsprechend handeln würden, gibt Mohamed Taman zu bedenken. Mit seiner Performance habe er diese Gefahr zu unterstreichen versucht und habe mit den gleichen Mitteln wie die Initiative, das heisst mit der Umkehrung und Entleerung von Inhalten und der Pauschalisierung, gespielt: «Unter meiner schwarzen Kleidung und dem verdeckten Gesicht verbarg sich nicht das Böse und keine Gefahr, sondern ein Mensch mit viel Neugierde und der Entschlossenheit, Missverständnisse aus dem Weg räumen zu helfen.»

Wer den Islam auf die Burka und auf terroristische Anschläge reduziere, beraube den grössten Teil seiner Religionsgemeinschaft deren Würde. In Ägypten nehme man die Schweiz als den Inbegriff einer Demokratie wahr, «doch nun», denkt Mohamed Taman laut nach, «muss ich mich fragen, ob Diktatur womöglich auch noch ganz andere Gesichter hat als dasjenige, das ich aus meiner Heimat kenne.»

Unterschiedliche Welten

Zu seiner künstlerischen Arbeit befragt, sagt Taman, es sei mitunter gefährlich, frei und unbefangen zu arbeiten, weil politische Äusserungen nicht geduldet würden und staatliche Kunstförderung praktisch nicht existiere. Ausserdem finde zeitgenössisches neben dem traditionellen Kunstschaffen in der Öffentlichkeit noch kaum Beachtung. Dank der neuen Medien sei allerdings eine internationale Vernetzung möglich geworden; Künstler würden auch im Ausland wahrgenommen und eingeladen. Was ihn sehr beschäftige, sei die Feststellung, dass Schweizer Künstler sich in ihren Arbeiten kaum politisch zu Wort melden würden. Warum das so sei, will er wissen, der Spassvogel.

Morgen Di spricht Mohamed Taman über sein Projekt «Passwort: Burka». Kunsthalle, 18.30 Uhr




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