Tagblatt Online, 18. November 2008 01:00:37
Bach mit ökumenischem Brückenschlag
In der Kirche St. Mangen sang die Bach-Kantorei unter Wilfried Schnetzler Herzstücke aus dem Kantatenwerk Bachs mit einem überzeugenden Solistenquartett.
st. gallen. Viele Pilgerwege führen zu Bach und seinem kaum je erschöpflichen Kantatenschaffen. Nicht selten schreiben sich die musikalischen Pilger Vollständigkeit auf die Fahnen. Was seinen Reiz hat, auch wenn es unter dem für den sonntäglichen Gebrauch Komponierten doch Perlen gibt, Meilensteine sängerisch-instrumentalen Meditierens und Predigens, die man gern öfter hört.
«Komm, o Tod»
Die «Kreuzstab»-Kantate gehört zweifellos dazu: Immer aufs neue berührt der Schlusschoral in seiner verklärten Anschauung des Ewigen, besonders, wenn es dem Chor so behutsam wie der Bach-Kantorei unter Wilfried Schnetzler gelingt, die bewegte Reise des Bass-Solisten abzuschliessen – ohne den grossen Augenblick, auf den die Kantate koloraturenreich zustrebt, zu überfrachten. «Komm, o Tod, du Schlafes Bruder» ist hier nicht mehr Flehen, sondern ruhige Zuversicht; ausgewogen, beinahe entrückt im Klang und so homogen, wie die Kantorei auch in flinken, kunstvoll polyphon gewebten Sätzen zu singen vermag.
Wohl auch, weil es reine Freude ist, Manuel Walser als Solisten zuzuhören: seinem jugendlichen, weichen Bariton, der von der Ausbildung bei Thomas Quasthoff hörbar profitiert und dabei nichts von seiner ungezwungenen Ausdruckskraft verloren hat. Mag das eine oder andere noch nicht bis ins letzte technisch ausgereift sein (was ob der anspruchsvollen Partie nicht wundert), die Gestaltung und das stimmliche Talent versprechen in Manuel Walser einen Kantateninterpreten, der etwas zu sagen hat und es aus Bachs Partitur schöpft.
Eloquente Soli
Nicht minder überzeugten Susanne Frei, Jan Börner und Raphael Höhn in ihren Arien und Rezitativen; letzterer durch sein glockenhelles Tenortimbre, Sopran und Altus im schlanken Zusammenklang. Die Choralkantate «Wer nur den lieben Gott lässt walten» bot ihnen wie dem Chor dankbare Aufgaben, getragen von einem flexiblen Continuo, der die Eloquenz der Solisten und der virtuos konzertierenden Oboe verstärkte, aber nicht konkurrenzierte. Was auch für die Rarität im Programm gilt: die G-Dur-Messe mit ihrem gross angelegten, solistisch durchsetzten Gloria, dem ökumenischer Brückenschlag aus dem Geist der Kantate. Wiederum agierte der Chor unangestrengt präzise, in ruhigem Puls und stimmlich ausgewogen.
Bettina Kugler
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