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Tagblatt Online, 10. Dezember 2009 01:04:20

Alle da

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St. Galler Stelldichein: Alex Hanimann zum Starten, gefolgt von Manon mit «Hotel Dolores» und Bernard Tagwerker (unten links). (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

»Sangallensia» heisst die neue Ausstellungsreihe der Galerie Christian Roellin in St. Gallen. Bekannte Namen garantieren gute Beachtung: Alex Hanimann, Manon, Roman Signer, Bernard Tagwerker.

Ursula Badrutt Schoch

Etwas fehlt. Alex Hanimann hat darauf bestanden, mit dem grossen Leuchtkasten die Besucherinnen und Besucher in der Galerie Christian Roellin in St. Gallen zu begrüssen: «ETWAS FEHLT».

Fehlt der Galerie etwas? Der aktuellen Ausstellung? Und wenn ja, was? Das vieldeutig Verunsichernde der Textarbeit animiert zu Interpretationen, weil der entlastende Zweittext der Arbeit, «Etwas fehlt immer», fehlt. Fehlt es an weiteren illustren Namen? Oder doch eher an heiterem Übermut?

Wie auch immer: Der Auftakt von «Sangallensia» ist gelungen. Neben verschiedenen locker lagermässig posierten Linienbildern ist von Alex Hanimann auch eine der grossen neuen Tuschzeichnungen, eine Rasterübertragung eines Zeitungsbildes, zu sehen. Eine unangenehm anmutende Szene von Machtdemonstration und Unterordnung, dazwischen hingestellte Waffen. Damit verknüpft sich «Sangallensia» sinnig mit dem «Heimspiel» des Ostschweizer Kunstschaffens.

Sonnenenergie von Signer

Dass die teilweise neuen Arbeiten von Roman Signer nicht gleich im Eingangsraum zum Besten gegeben werden, gefällt. Insgesamt sechs, zwischen 2002 und 2009 entstandene Skulpturen hat Signer in den hinteren Winkeln der Galerie plaziert. Die spektakulärste wohl «Sonnenzellen», wo ein Sprengsatz in einem Klumpen Ton über Sonnenenergie gezündet wurde.

Christian Roellin, der ausser an der Talhofstrasse auch in Zürich eine Galerie betreibt, hat sich für seine St. Galler Galerie eine Einheimischen-Reihe ausgedacht. Mit «Sangallensia» zupft er an den historischen Wurzeln des Ortes und bemüht humanistisches Bewusstsein. Es geht um St. Gallisches. Mit der Ausstellungsreihe wolle er ausschliesslich Werke von Künstlern und Künstlerinnen zeigen, die einen engen Bezug zu St. Gallen haben, so der Galerist.

Nachdem auch die Galerie Paul Hafner zunehmend Ostschweizer Kunstschaffende an ihr Programm bindet und mit der Reihe «Short Cuts» auf das Ostschweizer Potenzial setzt und zurzeit mit «Small talk» dem hiesigen Kunstschaffen Reverenz erweist, zieht nun Roellin mit dem Fokus spezifisch auf St. Gallen nach. Dabei könne er sich gut vorstellen, sich tendenziell der älteren, teilweise vergessenen Garde anzunehmen.

Unterstützung dem Galeristen

Mit «Sangallensia I» hat sich Christian Roellin gleich vier Schwergewichte geangelt. Wer sich als Galerist Alex Hanimann, Manon, Roman Signer und Bernard Tagwerker auf die Fahne schreibt und die Zusagen der Künstler entgegennehmen darf, tut in erster Linie sich selber etwas Gutes. Ihm gehe es darum, der Reihe mit diesem prominenten Start Ernsthaftigkeit zu geben, so Roellin.

Als Künstler wolle er Goodwill zeigen – sowohl der St. Galler Galerienlandschaft gegenüber, wie auch Christian Roellins Vorhaben, sich um die Künstlerschaft vor Ort zu kümmern, sagt Alex Hanimann. «Ein guter Start ist dabei wichtig.»

Erstaunlich, was in den verschachtelten Räumlichkeiten alles unter zu kriegen ist. Blendend spielen die Querverbindungen zum «Heimspiel» im nahen Kunstmuseum und in der Kunsthalle. Von Tagwerker ist ein weiteres Werk aus der Serie der «Netz»-Bilder zu sehen; im Vergleich mit jenen im Kunstmuseum ungleich bunter. Die Bogenformen bilden ein dichtes, dreidimensional wirkendes Lockengewusel in Gelb-Grün-Tönen. Mit den «Netz»-Arbeiten gelingt Bernard Tagwerker, über neuronale Steuersysteme, die nicht auf Lernen, sondern auf Verlernen programmiert sind, das Vergessen zu visualisieren.

Bijoux und Vergänglichkeit

Aber auch ältere Arbeiten aus dem Stock des Künstlers sind zu entdecken, allen voran ein Bijou aus dem Jahre 1978, das die Anfänge der systematischen Erforschung der Gesetzte des Zufalls markiert: Der «Ätzverlauf» besteht aus dem Vorgang selbst; durchnumeriert von 1 bis 116 ist die jeweilige Dauer der Säureeinwirkung angegeben. Handschriftlich eingeritzt in die behandelte Platte sind ausser den Zahlen die Worte «Minuten» und «Säureeinwirkung».

In sicherer Inszenierung behauptet sich Manon neben den Männern. Aus der jüngsten, noch nicht abgeschlossenen Serie «Hotel Dolores», in die auch die Arbeiten im Kunstmuseum Einblick geben, sind vier Werke zusammengestellt. Im heruntergekommenen Bäderhotel in Baden hat Manon die kongenialen Räumlichkeiten gefunden, um dem Lauf der Zeit nachzuspüren, dem Festhaltenwollen und dem melancholischen Bewusstsein ewiger Vergänglichkeit. Im charmanten Separee dann das grandiose Rollenspiel von 2006: «Einst war sie Miss Rimini.»

Bis 20. Februar, Fr/Sa 14–17 Uhr Galerie Roellin, Talhofstrasse 11




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