Tagblatt Online, 23. Juni 2010 01:01:33
30 Watt für jeden Zuhörer
Andi Jud auf der Sternenbühne: Warten auf die dreieinhalb Tonnen schweren Line-Arrays. (Bild: Bild: Ralph Ribi)
Andi Jud installiert auf der Sternenbühne heute die Soundanlage: Zwei Line-Arrays, die je zwölf Sektoren beschallen, zwölf Bass-Boxen, Verstärker, Mischpult und Kabel. Der Wert des aus Basel angelieferten Materials liegt im siebenstelligen Bereich.
Peter Brühwiler
Andi Jud lebt in Mörschwil und betreibt in Romanshorn das Tonstudio Sonic Lab. «Aber im Herzen», sagt der Tonmeister, «bin ich ein St. Galler». Speziell stark ist seine Bindung zum Sittertobel – und dort wiederum zur Nebenbühne. 1994, im Jahr, als diese erstmals aufgestellt wurde, sass er auf ihr hinter dem Schlagzeug. Vor zehn Jahren folgte mit der St. Galler Band Mizan ein Abstecher auf die Hauptbühne, wo er 2001 ausserdem ein Konzert abmischte.
Drei Jahre später fand Andi Jud als Produktionsleiter zu «seiner» Bühne zurück, die statt Heubühne unterdessen Sternenbühne hiess und auf der sich auch tontechnisch einiges verändert hatte. «Im vergangenen Jahrzehnt hat sich in der Beschallungstechnik viel getan», sagt Jud und holt noch weiter aus: «In Woodstock haben die Veranstalter so viele Boxen wie möglich aufeinandergeschichtet.» Das Resultat – zumindest in den Ohren eines Tonmeisters: «ein akustischer Matsch». Viel hat sich an diesem Grundprinzip bis zum Siegeszug der Line-Arrays (siehe Kasten) nicht geändert.
«Die Sternenbühne tönt cooler»
Auf der Sternenbühne wurden die Lautsprecher erstmals im Jahr 2006 nicht mehr gestapelt, sondern in Bananenform aufgehängt. «Die Sternenbühne tönt viel cooler», habe man damals von allen Seiten gehört. Ein Jahr später war das gleiche System dann auch auf der Hauptbühne im Einsatz. «Heute», sagt Jud, «unterscheiden sich die beiden PA-Anlagen nicht gross.» Ausser, dass diejenige auf der Sitterbühne etwa doppelt so leistungsstark ist. Als Faustregel gelte, dass eine Musikanlage pro Zuhörer eine Leistung von 30 Watt bringen sollte.
Andi Jud ist sich bewusst, dass mit dieser Leistung auch eine grosse Verantwortung verbunden ist. «Falls ein Lautstärkeregler aus Versehen zu weit nach oben geschoben würde, könnte das ernsthafte Konsequenzen für die Gesundheit der Zuhörer haben.»
Gehörschutz für 250 Franken
Bei Veranstaltungen wie dem St. Galler OpenAir darf der Schallpegel die 100-Dezibel-Marke im Stundenmittel nicht überschreiten.
Andi Jud kann mit dieser Regelung gut leben, zumal es dank der Line-Arrays heute möglich ist, die Lautstärke im Publikumsbereich gleichmässig zu verteilen. Für die weit von der Bühne entfernt stehenden Konzertbesucher ist dies einerseits ein Vorteil; für solche, die im hinteren Teil dem «Lärm» entfliehen wollen aber auch problematisch.
Wer die Musik lieber leiser hört, kann natürlich die von den Veranstaltern verteilten Ohrstöpsel benutzen. Andi Jud kann das nachvollziehen, auch wenn es «rein akustisch gesehen» ein Verbrechen sei, wie er schmunzelnd anfügt. Denn hohe Frequenzen werden von herkömmlichen Ohrstöpseln stärker gedämpft als tiefe. Er selber – «das Gehör ist mein Kapital» – benutzt von Zeit zu Zeit einen speziell für seine Ohrform angefertigten Elacin-Hörschutz, der die Lautstärke linear senkt. Kostenpunkt: 250 Franken.
A propos Lärm: Vuvuzelas sind auf dem OpenAir-Gelände verboten. Andi Jud ist froh darüber. Weniger aus Angst um seine Ohren als wegen der Bands. «Beim Konzert der Sportfreunde Stiller beispielsweise, die akustisch auftreten, wäre das Getröte sicher störend.» Und es wäre natürlich auch schade um die von der Audiorent aus Basel gemietete PA-Anlage. Deren Wert liege im siebenstelligen Bereich, verrät der Tontechniker; «alleine das Mischpult kostet rund 100 000 Franken». Hinter diesem wird, da Andi Jud als Produktionsleiter dafür keine Zeit bleibt, ein Kollege von ihm stehen.
Gemeinsam können sie im Sittertobel heute die Anlage in Empfang nehmen. «Es ist schön, die Bühne wachsen zu sehen», sagt Jud. Die PA-Anlage wird sie um einige markante Gegenstände bereichern: links und rechts je ein dreieinhalb Tonnen schwerer Line-Array, der zwölf verschiedene Sektoren beschallen kann, und dazwischen zwölf horizontal angeordnete Bass-Boxen.
«State of the Art»
Was das OpenAir St. Gallen akustisch biete, sei «State of the Art», konstatiert Andi Jud. Revolutionäre Entwicklungen in der Beschallungstechnik stehen seiner Ansicht nach in nächster Zeit keine mehr an. «Aber klar, den Klang kann man immer noch etwas feiner tunen.» Klar ist auch: Die Schwachstelle bleibt der Mensch. Eine falsch gestimmte Gitarre beispielsweise kann der Mann am Mischpult höchstens leiser stellen. Andererseits muss an einem Konzert auch nicht jeder Klang perfekt ins Publikum schallen. «Die Leute wollen ja nicht genau das Gleiche hören wie auf der CD. Sie wollen Authentizität.»
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