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Tagblatt Online, 11. August 2010 01:05:04

«Wir sind wie Teenager»

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Mirjana Karanovi? mit David Thornton im Spielfilm «Here & There». (Bild: Bild: pd)

Als Hauptdarstellerin im Schweizer Film «Das Fräulein» wurde die Schauspielerin Mirjana Karanovi? hierzulande bekannt. Ihr neuer Film «Here & There» ist eine romantische Culture-Clash-Komödie und läuft im Kinok.

Frau Karanovi?, anlässlich einer Vorpremiere von «Here & There» waren Sie wieder mal in Zürich – zum ersten Mal seit Sie hier in «Das Fräulein» spielten. Bei jener Gelegenheit sagten Sie, Zürich sei als Stadt schöner als Belgrad…

Mirjana Karanovi?: Hier herrscht eine andere Lebensart. In Zürich findet man nicht viele Menschen, die tagsüber durch die Stadt spazieren, im Restaurant sitzen und sich die Zeit vertreiben. In Belgrad ist das dagegen ein häufiges Bild.

Es gibt viele Menschen, die nicht arbeiten und sich draussen aufhalten, auch wenn das Wetter schlecht ist. Die Menschen reden mehr miteinander, in Serbien gibt es nicht so viele Regeln. Wir sind wie Teenager. Wir haben Regeln, aber wir befolgen sie nicht gern.

In Zürich fühle ich mich viel sicherer. Wenn ich über einen Fussgängerstreifen gehe, weiss ich, dass die Autofahrer anhalten, in Serbien muss ich vorsichtig sein, man weiss nie, was passiert. Hier gilt immer noch das Recht des Stärkeren.

Wir lernen erst langsam, andere, uns selbst und Werte zu respektieren. Wir lernen, auf uns achtzugeben und auf das, was wir haben. Ich geniesse es, Zürich zu besuchen und nach Belgrad zurückzukehren und meine Stadt mit neuen Augen zu sehen. Ich würde es schätzen, wenn Belgrad eines Tages ein bisschen wie Zürich würde.

Würden Sie sagen, dass die Atmosphäre in Belgrad immer noch so aggressiv ist wie dies beispielsweise Goran Paskaljevi? in seinem Film «Bare Baruta» eindrücklich gezeigt hat, oder hat sich das verändert?

Karanovi?: In Serbien reagieren die Leute eher emotional als rational. Das ist unser Problem. Wegen dieser grossen Emotionalität erlebt man in Serbien viel Schönes mit wunderbaren Menschen, an die man sich gerne erinnert. Gefühle können gut oder schlecht sein. Aber schlechte Gefühle verursachten in den 90er-Jahren diese schreckliche Zeit, die gekennzeichnet war durch eine schlechte Führung und schlimme Entscheidungen im Namen der Nation.

Wir leiden immer noch unter den Konsequenzen dieser Zeit und wir müssen uns an ein neues ökonomisches und politisches System gewöhnen. Wir müssen noch viel über Demokratie und Frauenrechte oder über den Umgang mit Homosexuellen, Behinderten oder Menschen anderer Hautfarbe lernen. Wir müssen eine Kultur des Dialoges zwischen Opponenten entwickeln. Das ist erst der Anfang einer Entwicklung hin zu einer reifen Gesellschaft.

Ich erlebe die Schweiz als eine reife Gesellschaft, eine Gesellschaft mit einem funktionierenden demokratischen System.

Wie stark sind heute die extremen Nationalisten in Serbien noch? In «Here & There» gibt es die Figur des Taxifahrers, die beweist, dass diese Leute weiterhin existieren.

Karanovi?: Ich bin nicht so gut im Abgeben solcher Einschätzungen. Ich denke aber, die Stimmung ist besser als in früheren Jahren. Aber sie ist nicht so gut, dass ich damit zufrieden wäre, ich kann nur von einer kleinen Verbesserung sprechen. Schwierig ist, dass sich ökonomisch niemand in einer guten Position befindet. Das macht es auch für die Bevölkerung so schwierig, den richtigen Weg in die Zukunft zu finden.

Wenn es einem schlecht geht, sind immer die anderen daran schuld. Für viele Serben ist die westliche Gesellschaft, Amerika, das Symbol für alles Schlechte, was in Serbien passiert. Es wird seine Zeit brauchen, bis diese Leute vom Gegenteil überzeugt sind.

In welcher Situation befindet sich das serbische Kino? Zurzeit ist es eher ein Zufall, dass mit «Here & There» und «Honeymoons» von Goran Paskaljevi? gleich zwei serbische Filme in den Schweizer Kinos zu sehen sind.

Karanovi?: Das ist eine schwierige Frage. Filmemachen ist ja eine teure Art, sich künstlerisch auszudrücken. Und in all unseren Ländern – und damit meine ich nicht nur Serbien, sondern auch Bosnien und Mazedonien – haben wir leider eine Situation, dass Kultur so ungefähr das Letzte ist, wofür der Staat bereit ist, Geld auszugeben. Filmemachen hängt also in erster Linie von der Fähigkeit einzelner Leute ab, irgendwo dennoch Geld aufzutreiben.

Interview: Geri Krebs

«Here & There» im Kinok St. Gallen, Do 12., 20.30; Sa 14., 22 Uhr; Mi 18., 20.30; Fr 20./So 22., je 20 Uhr; Mo 23, 20.30; Fr 27., 22 Uhr und Sa 28.8., 19.45 (letztmals)




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