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Tagblatt Online, 07. Februar 2012 01:05:33

«Chicago» ist Vaudeville

Melissa King Zoom

Melissa King für Brigitte Schmid-Gugler

Melissa King Choreographin/Musicalregisseurin

Melissa King, Sie leiten als Choreographin und Regisseurin die Produktion des Musicals «Chicago». Die Premiere naht mit grossen Schritten. Wie laufen die Proben?

Ich bin überrascht, wie gut und flüssig alles läuft… (denkt nach, lacht). Ist das jetzt sonderbar? Nein, im Ernst, künstlerisch gesehen sind wir auf einem sehr guten Weg. Ich bin sehr zufrieden. Während der Konzeptphase hatte ich schlaflose Nächte, denn ich wollte ja mit meiner Inszenierung weg vom Stil des Broadway…

Wohin denn?

Ich möchte das Vaudeville mehr pflegen, also die auch von den beiden Komponisten John Kander und Fred Ebb ursprünglich gewählte Form der temporeichen Zusammenstellung gemischter Nummern in der Art eines Variétés, einer Revue.

Es gibt in dem Musical tatsächlich zahlreiche Gesangsnummern. Wollte man damit den etwas faden Inhalt «überspielen»?

Für mich ist der Inhalt von «Chicago» kein bisschen fad! Im Gegenteil. Das Stück spielt zwar im Amerika der Zwanzigerjahre, hat aber nichts von seiner sozialkritischen Brisanz eingebüsst. Amerika ist noch heute so: zynisch, machtbesessen und ignorant den Schwächeren gegenüber.

Muss denn ein Musical auch noch sozialkritisch sein? Darf es nicht einfach nur unterhalten?

Doch, das darf es durchaus. «Chicago» lebt ja gerade von den genialen Songs, vom Rhythmus, von den schnellen Wechseln. Doch wir haben dennoch Figuren mit einer Geschichte, die aus einem bestimmten Milieu stammen und aufgrund ihrer Herkunft so oder anders «enden».

Sie meinen Roxie, die ihren Liebhaber erschiesst und im Gefängnis landet?

An ihrer Figur lässt sich nicht nur das damalige, sondern auch das heutige Justiz-und Mediensystem der US-Behörden ablesen. Es interessiert sich doch niemand für die Facts. Alle rennen nur der Sensation, dem Skandal hinterher. Und Billy, dieser «smarte» Anwalt, hat nichts anderes im Sinn, als zu noch mehr Macht und zu noch mehr Geld und Einfluss zu kommen. Ein absoluter Zyniker!

Ist denn Roxie nun ein Opfer oder eine Täterin?

Ich glaube, es geht bei ihr gar nicht so sehr um die Frage, ob Opfer oder Täterin. Mich persönlich interessiert vielmehr ihr Narzissmus, welche sie zu diesem Mord trieb.

Ein männliches Verhalten?

Nein, eben nicht! Ein Mann ist berechnend. Er plant seine Tat. Diese Roxie ist impulsiv, zutiefst verletzt, weil sie einsieht, dass der Mann nur ihren Körper wollte, sie ausnützte und nicht das leiseste Interesse daran hat, ihr zu helfen.

Also tat sie nichts Falsches, als sie den Scheisskerl niedermähte?

Ich will sicher nicht einen Mord verteidigen. Aber ich möchte, dass auch ihre Menschlichkeit und ihre Klugheit ein Thema sind.

Interview: Brigitte Schmid-Gugler

Premiere: 18.2.; Theater St. Gallen, 19.30 Uhr




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