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Tagblatt Online, 30. September 2008 01:05:35

«Bedenke Mensch, du bist Staub…»

Die aus der Ostschweiz stammende Künstlerin Vera Staub zeigt eine Installation auf dem Bahnhofplatz

Zoom

Der Kunst das Wort übergeben: Die aus dem Rheintal stammende Künstlerin Vera Staub im Gespräch. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)

ST.GALLEN. «Romperemos un pilar» nennt Vera Staub ihre Installation, die nur gerade morgen Mittwoch in St. Gallen zu sehen sein wird.

Brigitte Schmid-gugler

Kein Clown-Gekicher, kein Gesumme einer nervösen Trapezkünstlerin und auch kein Schnauben eines eingesperrten Tieres wird aus dem Innern des Zirkuswagens zu hören sein. Vielmehr wird «Grabesstille» herrschen – im Raum für Abschied und Ende. Allerdings ist Vera Staub nicht am Ende ihres Künstlerlateins angekommen. Im Zirkuswagen führt sie weiter, was sie in früheren Arbeitszyklen begonnen hat: Da war «Metamorphose des Kreuzes» im Jahr 2001, eine dreiteilige Inszenierung um das Thema Veränderung, Häutung, Kommen und Gehen. Und vor zwei Jahren zeigte sie in der Turbine Giswil ihre an ein Zitat von Meister Eckhart anlehnende Arbeit mit dem Titel «Schwangerkeit». Auch hier forschte sie nach der Metaebene zwischen dem Hier und Dort, nach den Übergängen, dem Loslassen.

In «Romperemos un pilar» schieben sich die beiden Prozesse Geburt und Tod übereinander. Als «Antipode» zum Abschiedsgedanken, zur Leere wählt Vera Staub den Zirkuswagen – ein assoziativer Ort für Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Spiel und Ablenkung. Sein Äusseres soll neugierig machen, einladen zum Eintritt ins Unerwartete.

Spiel und Sterben

Nun, kurz vor dem Start ihrer ungewöhnlichen Reise durch Schweizer Städte, sucht Vera Staub im Gespräch nach Worten. Lieber wäre es ihr, die Installation spräche für sich selber. So, wie sie auch sonst die Betrachtenden in interaktive Kunstprojekte direkt einbezieht, soll es auch im Zirkuswagen sein: An einem umtriebigen Ort, an dem es kaum möglich ist, innezuhalten und in sich zu gehen, wird der «Sargwagen» diese Möglichkeit bieten. Vera Staub denkt in «Romperemos un pilar» an den Tod ihres Vaters vor zwei Jahren, an den inneren Vorgang des Abschiednehmens, der Trauer und der Besinnlichkeit. Die beiden mitgebrachten Gegenstände im Wagen sind nicht nur Ausdruck dieses Prozesses, sondern sie geben auch Hinweis auf das Werk der Künstlerin. Seit vielen Jahren ist sie neben der Malerei und den Installationen auch als Bildhauerin tätig; einer der Steine, ein Ostermundiger Sandstein in den von ihr üblicherweise bearbeiteten Massen von 150 mal 50 mal 50 Zentimeter stand am Anfang der Installation. Über den «Schwangeren Sarg», dessen gehauene, sich wie von selbst ergebende Wölbung sie wiederum zurückführte zum Prozess des Gebärens, legte sie ein «Leichentuch».

Interaktive Kunst

Das aus Glasfaserstoff und Kunstharz in seinem erstarrten Zustand «fliessende» Tuch umhüllt den abwesenden Sarg, ein Paradox, das gleichzeitig Fülle und Leere skizziert. Als zweite Arbeit zeigt Vera Staub eine Zeichnung der Hände ihres verstorbenen Vaters – das Zeichnerische wiederum steht oft am Beginn ihres dreidimensionalen Schaffens – erinnert etwa an Arbeiten wie «Zoccilonen» (Sandstein), «Infolonen» (Kunstharz) oder an die ebenfalls aus Kunstharz gegossenen abstrakten Monumentalobjekte. Schwellende Bäuche, baumelnde «Aliens», prall in Farbe und Formen einerseits, wie verlassene Hüllen eines sich längst aus dem Staub gemachten Wesens andererseits. Ein weiteres -lonen-Projekt sind die bereits seit 1999 entstehenden und in wechselnden Räumen stattfindenden «Papilonen». An diesen Kunstaktionen in Deutschland und in der Schweiz werden die Betrachtenden dazu aufgefordert, die zwei bis drei Meter hohen Figuren neu zu gruppieren und durch bereitgestelltes Material zu verändern. Diese Prozesse werden fotografisch dokumentiert und in weiterführenden Arbeiten ausformuliert.

Der Titel der nun in St. Gallen beginnenden Reise von «Romperemos un pilar» nimmt Bezug auf ein Kinderlied, welches Vera Staub während ihren Jahren, die sie mit ihrer Familie in Mexiko verbrachte, gerne sang, in der Meinung, das Lied handle von ihr, Vera. Später fand sie heraus, dass sich sein Inhalt auf die «Weisse Frau», die Göttin des Todes, bezieht. Die aus dem Rheintal stammende Künstlerin lebte später in Peru und Amerika, bevor sie sich mit ihrer Familie in der Nähe von Luzern niederliess.

Morgen Mi, Bahnhofplatz St. Gallen; Do, Bahnhofplatz Wil, jeweils 11 bis 16 Uhr




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