Reflexion mit dem Kugelschreiber

ZEICHNUNG ⋅ Roland Dostal zeigt im Kunstraum Kreuzlingen unter dem Titel «Schichten» über hundert Arbeiten auf Papier. Ende Oktober erscheint im St. Galler Vexer-Verlag ein Buch über den Thurgauer Künstler.
07. Oktober 2017, 09:38
Martin Preisser

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Es scheint fast so, als reflektiere Roland Dostal auf der langen Reihe seiner Zeichnungen sein eigenes künstlerisches Tun, das der Vergangenheit und das der Zukunft. Auf 127 Kopierpapierblättern präsentiert der in Konstanz lebende Thurgauer einen so beeindruckenden wie bewussten Formenreichtum und eine subtil aufgefächerte Farbpalette, bei der die Blau- und die Schwarz-Weiss-Töne dominieren. Viele der Blätter sind durch Faltungen wie vorstrukturiert und erlauben einen Eintritt in eine räumliche Dimension, die diese Zeichnungen auch oft ausstrahlen.

Mit Bleistift, Tusche und Kugelschreiber fängt Roland Dostal eine reiche Erlebniswelt ein, die an sehr vieles erinnert, ohne dass das Erinnerte genau zuordenbar wäre. Seit acht Jahren beschäftigt sich Dostal mit dieser Serie von Zeichnungen, von denen es einige hundert gibt: Ein geheimnisvoller Kosmos voll Zeichen, Strukturen, Zitaten, Formvariationen, Emotionen, aber auch fast Traumartigem.

Vier Jahre zurückgezogen im Himalaja

Was die Arbeiten genau abbilden, tritt bei dieser Kunst in einen angenehmen, unaufdringlichen Hintergrund. Roland Dostal lässt seine Zeichnungen in mehreren Schichten auf dem Papier sich entwickeln, sie spiegeln immer auch etwas Prozesshaftes wider. So als bewegten sich Bleistift und Kugelschreiber in einer ruhigen, aber kontinuierlichen Zeitachse. Dostal, der die letzten sieben Jahre in Asien verbracht hat, darunter vier Jahre zurückgezogen im Himalaja, ist ein Künstler, dem es spürbar um Stringenz, Konstanz und Nachhaltigkeit der Aussage geht.

Viele seiner Blätter strahlen eine Ruhe, eine kontemplative Stille aus. Die zu Papier gebrachten Formen scheinen von irgendwoher zu kommen und irgendwohin wieder weitergehen zu wollen. Diese feinen, in ihrer Schichtung licht und transparent, oft auch wie spontan wirkenden Bilder sind ein deutlicher Gegenpol gegen alles Schnelle, gegen nur auf die flüchtige Idee oder einen schnellen Hype abzielende Kunst. Roland Dostal geht es um den Prozess, das Sich-entwickeln-Können. Er spiegelt mit seinen Zeichnungen so auch ein Stück das Leben selbst, wobei Leben hier den reichen Kosmos von innerlich Erlebtem und von aussen Herangekommenem meint.

Der Kunstraum Kreuzlingen bekommt mit der Ausstellung dieser speziellen Zeichnungen, die sogar meist doppelseitig gestaltet sind, eine Atmosphäre der Einkehr. Und er bietet dem freischaffenden Künstler den weiten, offenen Entfaltungsraum.

Diese Zeichnungen wirken, ohne als eigentliche Serie gedacht zu sein, besonders durch die spezielle Reihung und Hängung. Viele Arbeiten sind mit den Jahren immer wieder überarbeitet worden, fast ein wenig wie die menschliche Haut, die Eindrücke und Geschehnisse des Lebens spiegelt und aufnimmt. Roland Dostals Kunst wirkt bewusst und gleichzeitig fragil, reflektiert und offen. Und auf vielen Blättern scheinen sich verschiedene Bildideen gar rätselhaft zu begegnen und in einen stillen, aber intensiven Dialog zu treten.

Bis 29.10.; Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr, Kunstraum, Bodanstr. 7a, Kreuzlingen; Buchvernissage: 27.10., 19 Uhr


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