«Wir müssen über den Hass sprechen»

ISLAMISMUS ⋅ Der St. Galler Schriftsteller Giuseppe Gracia und Saida Keller-Messahli, Vertreterin eines fortschrittlichen Islams, diskutierten am Dienstag in der St. Galler Buchhandlung Rösslitor über die Gefahr des radikalen Islams. Anlass war Gracias Roman «Der Abschied».
22. Juni 2017, 05:19
Hansruedi Kugler

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hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Die Provokation ist Giuseppe Gracia geglückt. Der Blick erklärte seinen Roman «Der Abschied» zum Skandalbuch und widmete dem Autor und Medienbeauftragten des Bistums Chur gleich eine Doppelseite mit ausführlichem Interview. Der Roman erscheint schon in der zweiten Auflage. Der Grund für das Medieninteresse liegt auf der Hand: Giuseppe Gracia schildert einen kaltblütigen islamistischen Terrorakt an einer Berliner Kulturkonferenz detailliert als Hinrichtungsgemetzel. Und er kombiniert diesen grässlichen Terrorakt mit einer scharfzüngigen Kritik an der vermeintlich morbiden, übertoleranten westlichen Gesellschaft. Besonders pikant: Er legt diese Gesellschaftskritik dem islamistischen Terroristen in den Mund, der wie ein wortgewandter Intellektueller auftritt. Viele Gründe also, sich über diesen Roman, dessen Autor, vor allem aber über den eiskalten islamistischen Terror aufzuregen.

Charlie Hebdo wirkt als Schock nach

Nicht verwunderlich also, dass sich über hundert Zuhörerinnen und Zuhörer im Foyer der Buchhandlung Rösslitor am Dienstag Abend dicht gedrängt vor dem Podium versammelten – trotz Konkurrenz durch das New Orleans Jazzfestival in den Gassen der Altstadt. Jürg Ackermann, stellvertretender Chefredaktor des St. Galler Tagblatts, moderierte den Abend, der in der Hauptsache aus einer Kurzlesung und einem Gespräch zwischen Giuseppe Gracia und der Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Saida Keller-Messahli, bestand. Warum so drastische Beschreibungen, wollte Ackermann von Gracia wissen. Eine berechtigte Frage, denn die blutrünstigen Details in «Der Abschied» sind äusserst realistisch geschildert und machen den Zynismus der Terroristen deutlich. «Weil das die Realität ist», so die achselzuckende Antwort von Gracia. Es gebe für ihn keinen Grund, diese Realität sanfter zu beschreiben. Die Leser seien ja nicht naiv, und Überlebende des Massakers im Pariser Musikclub Bataclan hätten von noch grässlicheren Dingen berichtet.

Die Angriffe auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo hätten ihm zudem eine entscheidende Erkenntnis verschafft: «Diese Terroristen wollen nicht nur Menschen töten, sondern uns das Lachen verbieten und damit unsere ganze Lebensweise zerstören.» Das Thema war also gesetzt: «Umgang mit radikalem Islam». Gracia durfte noch im Schnelllauf seine Kritik am «moralisierenden Herdenjournalismus», am «Gender-Mainstream» und am Kapitalismus anbringen, die alle zusammen seiner Meinung nach die Menschen zu dumpfen «Optimierungsmaschinen» degradierten.

«Die Politiker schauen lieber weg»

Dass Islamisten den linken US-Autor und Gesellschaftskritiker Noah Chomsky zitieren, sei für ihn deshalb ein Alarmzeichen, meinte Gracia. Die politische Linke spiele die Gefahr herunter, die vom radikalen Islam ausgehe, behauptet Gracia und stellte die provokative Frage: «Warum veröffentlicht keine westliche Zeitung mehr Mohammed-Karikaturen?» Seine These: Wir sind zu nachgiebig. Saida Keller-Messahli mochte gar nicht widersprechen. Erstens seien viele Terroristen keine dumpfen Extremisten, sondern wortgewandte Ideologen. Und auch sie hält die Politik in der Schweiz für zu nachgiebig: «Die Politiker schauen lieber weg.» Dabei müsste man aktiver gegen radikale Wanderprediger vorgehen, die vor allem von Saudi-Arabien ausgebildet und in die Welt geschickt werden, um den Wahabismus zu verbreiten, den «mentalen Nährboden für den Terrorismus».

Man müsse über den Hass sprechen, der in bestimmten Milieus gezüchtet werde, fordert Keller-Messahli mit kritischem Blick auch auf Schweizer Moscheevereine. Dass die Terroristen ihre Gräueltaten mit Koranversen legitimierten, sei widerlich und zeige, dass Extremisten den nur im historischen Kontext zu verstehenden Koran als Rezept missbrauchen. Gracia forderte deshalb: «Die Islamverbände müssten jene Koranverse streichen, die Gewalt verherrlichen, und sie müssten bekennen, dass sie keinen Gottesstaat wollen.» Das ist ohnehin Gracias zentrale Forderung: Eine Religion könne erst vom Staat anerkannt werden, wenn sie ihr Verhältnis zur Gewalt geklärt habe und akzeptiere, dass Staat und Religion strikt getrennt seien. Kein Gottesstaat, keine staatliche Religionspolizei. Deshalb sei er auch gegen ein Kopftuchverbot.

Giuseppe Gracia: Abschied, Bucher Verlag Hohenems 2017, 112 S., Fr. 19.90.


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