Auf einen Kaffee mit Leo Braun

Er zeichnet Porträts im Akkord

11. Juli 2017, 05:16
Christina Genova

Leo Braun wusste nicht, worauf er sich einliess, als er vor drei Monaten zusagte, von allen neuen Mitgliedern des Vereins Lattich ein Porträt anzufertigen. Das Angebot, das in Zeiten des Selfiewahns etwas Anachronistisches hat, stiess auf grossen Anklang: Hundert Porträts hat der 75-jährige pensionierte Lehrer seither mit dem Grafitstift gezeichnet. Ein Original von Leo Braun, in welches er mehrere Stunden Arbeit investiert, ist für den unschlagbaren Preis von 20 Franken zu haben. So viel beträgt der minimale Mitgliederbeitrag für den Verein. Damit unterstützt man das Zwischennutzungsprojekt «Lattich», das nun schon in der zweiten Saison das St. Galler Güterbahnhofareal mit Kultur, Kulinarik und vielem mehr belebt.

 

Leo Braun bekommt zwar das Material wie Skizzenblöcke, Stifte und Fixierspray bezahlt, ansonsten arbeitet er für Gotteslohn. Seine Entschädigung ist eine andere. Einerseits freut er sich über den Kontakt mit den engagierten Leuten von «Lattich», andererseits schätzt er es, dass er mit seiner Leidenschaft ein gutes Projekt unterstützten kann: «Das Zeichnen war schon immer meine grosse Liebe.» Gerne hätte Leo Braun einen künstlerischen Beruf ergriffen, doch seine Eltern waren dagegen. So zeichnete und malte er in seiner Freizeit, zog mit Staffelei und Militärrucksack hinaus in die Natur und bildete sich in Kursen weiter. Als seine beiden Töchter noch klein waren, richtete er sein Atelier im Schlafzimmer ein, wo der Terpentin- geruch die Toleranz seiner Frau Françoise strapazierte. Mittlerweile ist er in eines der ehemaligen Kinderzimmer umgezogen. Um sich der Kunst voll und ganz widmen zu können, liess sich Leo Braun drei Jahre früher pensionieren und nahm dafür beträchtliche finanzielle Einbussen in Kauf. Seither hat er zahlreiche Ausstellungen bestritten, über seine Berliner Galerie hat er gar eine Landschaft nach New York verkauft. Zurzeit stellt er im St. Galler Restaurant Pärkli aus.

Den Kaffee serviert Françoise Braun-Gaumétou, eine gebürtige Pariserin, in der Stube der ruhigen Familienwohnung im St. Galler Quartier St. Georgen. Über dem Sofa hängen Zeichnungen und Aquarelle, im Gestell gegenüber stehen Kunstbände und Porzellan, das Françoise Braun mit zarten Blumenmotiven bemalt hat. Ihr kommt eine wichtige Rolle zu: Wenn Leo Braun mit einem Porträt fertig ist, legt er es seiner Frau vor: «Ich sehe es an ihrer Mimik, wenn etwas nicht stimmt.» Der Künstler schwört auf das scharfe Auge seiner Frau, welche jede noch so kleine Abweichung entdeckt. Denn selbstverständlich hat Leo Braun den Ehrgeiz, dass sich die Porträtierten wiedererkennen: «Sonst erfüllt die Zeichnung ihren Zweck nicht.» Die «Lattich»-Neumitglieder lernt der Künstler nicht persönlich kennen, sondern zeichnet sie ab Fotografien. Bei Charakterköpfen fällt ihm dies um einiges leichter als bei den weichen Konturen von Kindergesichtern. Am schwierigsten seien jene Fotos, die mit Photoshop aufgehübscht wurden: «Manchmal bin ich fast verzweifelt.» Alle bisher angefertigten Porträts hängen an der Fassade der SBB-Halle beim «Lattich».

Von den Porträtierten erfährt Leo Braun nur den Namen, Rückmeldungen auf seine Zeichnungen erhält er kaum. Ein bisschen neugierig ist Leo Braun dann aber doch. Er macht sich einen Spass daraus, den Beruf der Porträtierten zu erraten und prüft es danach im Internet nach. Ausserdem geschehe es mittlerweile öfter, dass er durch die Stadt laufe und Leute erkenne, die er porträtiert habe.

 

Christina Genova


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