Andy McSean lässt tief blicken

SONGWRITER ⋅ Eine Achterbahnfahrt zwischen Familie und persönlicher Verwirklichung: Der St. Galler Musiker singt in seinem neuen Popalbum «Changes and Chances» auch über seine Scheidung.
24. Mai 2017, 05:18
Melissa Müller

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Der Kompass ist unübersehbar. Das Tattoo prangt auf dem Hals des Musikers, zwischen Bart und frisch gestärktem Hemdkragen. «Mein Leben ist verdammt turbulent», sagt Andy McSean. «Der Kompass erinnert mich daran, mich immer wieder neu auszurichten und zu fragen: Wo stehe ich? Was will ich überhaupt?» Sagt einer, der in den letzten zwei Jahren eine Menge durchgemacht hat. Und diese Hochs und Tiefs auf seinem Album «Changes And Chances» verarbeitet.

Im ersten Stück «Give It Up» singt der 36-jährige St. Galler über ein Paar, das sich streitet und entfremdet. «Eine Anspielung auf meine eigene Scheidung», sagt Andy McSean, der abseits der Bühne Andreas Stadelmann heisst. Man habe sich vernünftig und «in Frieden» getrennt – «und doch war’s eine Niederlage, etwas, das ich mir nicht so vorgestellt hatte, als die Kinder kamen.» Das Vaterwerden habe ihn «in ein komplett anderes Leben hineinkatapultiert». An den Wochenenden gab er zusätzlich zum Hauptberuf als Audioproduzent bei einem Radio­sender vielfach Konzerte; oft mit schlechtem Gewissen, weil er nicht bei der Familie war. «Das war frustrierend. Meine Frau und ich begannen, in völlig verschiedenen Welten zu leben.»

Der liebe Kerl wird ihm gelegentlich zum Verhängnis

Das Album sei «ein bisschen ein Seelenstrip, aber mir entspricht das», bekennt der Radiomann, der das Herz auf der Zunge trägt. Der Songwriter hofft, dass man in seinen Texten etwas entdecken kann, was man aus eigener Erfahrung kennt. Der Song «Fire and Water» etwa ist ein Brief an seine Söhne Len und Finn. Es geht darin um das schlechte Gewissen eines Vaters, der Liebe, Beruf, Musikerkarriere und Familie unter einen Hut zu bringen versucht. Und sich dabei innerlich zerreisst. «Am I there/enough to care?», fragt er seine Söhne – «Bin ich genug da für euch?» Seine Gefühle zeigt er nicht reisserisch, sondern unaufdringlich-dezent. Bei unserem Gespräch im Café Sud in St. Gallen räumt er beiläufig das Tischchen ab, damit die Bedienung den Kaffee abstellen kann. Oder er sucht eine Steckdose, damit das Vis-à-vis den Handy-Akku aufladen kann. Ein lieber Kerl, das wird ihm gelegentlich zum Verhängnis. «Nachts an der Bar bin ich oft der Abfalleimer für verlorene Seelen, die mir ihr Herz ausschütten wollen.» Es falle ihm nicht leicht, sich abzugrenzen.

Grübeln über den Selbstverwirklichungstrip

Als Musiker legt er Wert auf einen stimmigen Gesamtauftritt, auch optisch. Er trägt Halstuch, Tweed-Gilet und Béret, der Vollbart ist sorgfältig in Form getrimmt. «Mode hat mich immer interessiert, mein Mami ist Schneiderin.» Die Italienerin war 18, sein Vater 20, als Andreas Stadelmann im thurgauischen Erlen auf die Welt kam. «Vater krampfte als Maschinenmechaniker. Stellte seine Bedürfnisse für die Familie zurück», sagt der Sohnemann, der den eigenen «künstlerischen Selbstverwirklichungstrip» manchmal in Frage stellt.

McSean ist seit vielen Jahren im Musikgeschäft, spielte schon in der Jugend in Bands. Später versuchte er sein Glück bei Castingshows wie «The Voice of Switzerland», wo er nach der ersten Runde rausflog. 2015 bewarb er sich für den Eurovision Song Contest und schaffte es in die nationale Finalshow.

Das neue Album finanzierte er teils via Crowdfunding. Als er 20 000 Franken beisammen hatte, dachte er, das sei die halbe Miete. Am Ende kam ihn die Produktion aber doppelt so teuer zu stehen. «Es folgten 15 Monate Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und Elend, kreativen Explosionen, Selbstzweifeln und krassen Geldsorgen.» Er streicht sich über die tätowierten Unterarme; Maracuja-Blumen schlingen sich um ein Mikrofon, ein Tribut an seine letzte Band.

Andere hätten ihren Traum vom Musikerleben längst aufgegeben, Andy McSean bleibt ihm treu. Seine neue Partnerin, eine Informatikerin beim Radio, habe das nötige Verständnis. Sie studiert nebenbei Industriedesign und ist ebenfalls im Kulturbereich tätig. «Mit der Musik ist es wie mit den Kindern», sinniert McSean. «Kinder kosten Nerven, Zeit und Geld. Doch wenn sie einen nach einem Weinkrampf unvermittelt anlachen, ist plötzlich alle Mühe wie weggeblasen.» Mit der Musik sei es ähnlich. Das sei oft eine einsame Angelegenheit. Da fährt er nach einem hektischen Arbeitstag an einen Firmenevent, «um Musik zu machen, die keinen Schnauz interessiert». Und fragt sich auf der Heimfahrt morgens um drei: Wieso mache ich das? Bis er wieder einen jener magischen Momente erlebt, die alles wettmachen. Wie einmal in Konstanz, als der Singer/Songwriter auf der Strasse zur Gitarre griff und eine so grosse Menschentraube anzog, dass es kein Durchkommen mehr gab. Alle lauschten gebannt. «Ich erreiche fremde Menschen mit etwas Intimem, und für einen Augenblick hält uns ein unsichtbares Band zusammen.» Nun hofft er, dass dieser Funke auch am Samstag überspringt, wenn er in der Grabenhalle sein Album tauft.

Albumtaufe: Sa, 27.5., 21 Uhr, Grabenhalle, St. Gallen


Leserkommentare

Anzeige: