Psychogramm einer Opernrolle

URAUFFÜHRUNG ⋅ Umjubelte Premiere von David Philip Heftis Oper «Annas Maske» gestern am Theater St. Gallen: Heftis Musik setzt das Libretto von Alain Claude Sulzer filigran und mit intensiver Spannung um. Die Inszenierung packt durch die Verzahnung vieler Ebenen.
07. Mai 2017, 05:17
Martin Preisser

Martin Preisser

So muss zeitgenössische Oper sein: anspruchsvoll, komplex, fordernd – und dabei sinnlich, kurzweilig und packend wie ein Thriller. «Annas Maske» von David Philip Hefti ist nur auf einer Ebene die Geschichte einer ermordeten begnadeten Carmen-Darstellerin, Anna Sutter. Faszinierend reich sind auch die klanglichen Einfälle, die der Komponist für die Psychologie hinter dieser wirklichen «Carmen»-Handlung findet. Mit grosser suggestiver Kraft wird der originäre «Carmen»-Stoff damit verwoben. Heftis Musik ist so nachvollziehbar wie geheimnisvoll.

Das Psychogramm einer Opernrolle und einer tatsächlichen Operndiva in klaren, sehr abstrahierenden Bildern zu zeigen und dabei Realität und Traum, Fantasie und Biografie zu einem packenden Drama werden zu lassen, ist das Verdienst von Regisseurin Mirella Weingarten. Beeindruckend sind die vielen weiteren Kräfte: Beate Vollack als zweite, tanzende Anna, als starkes Alter Ego zur fabelhaften Ma­ria Riccarda Wesseling, die diese Stuttgarter Carmen, dieses Opfer von Eifersucht, mit deutlich lyrischer Komponente und grosser schauspielerischer Präsenz verkörpert. Heftis «Anna», eine Oper, der man weite Verbreitung in vielen Opernhäusern wünscht.


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