Noch einmal an die Quellen

Dreissig Jahre, fast sechzig Konzerte: Die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland feiert mit Claudio Monteverdis «Marienvesper» einen runden Geburtstag. Es ist das letzte gemeinsame Konzert – anschliessend wird der Chor aufgelöst.
11. November 2015, 02:35
BETTINA KUGLER

TEUFEN/GOSSAU. Für manche von ihnen geht gerade ein Lebensabschnitt zu Ende. Nicht sang- und klanglos, im Gegenteil: mit intensiver Feinarbeit an einem der prachtvollsten Werke geistlicher Chormusik. «Die Marienvesper empfinde ich als Höhepunkt meiner <Karriere> als Chorsänger», sagt etwa Urs Eisenhut, «sie ist so dreidimensional, differenziert und strahlend, dass ich jetzt schon weiss, dass mir die Ergriffenheit am Konzertabend die Kehle zuschnüren wird.»

Eine Generation lang hat Urs Eisenhut der Bach-Kantorei angehört, hat sich von Chorleiter Wilfried Schnetzler an unzähligen Abenden anspornen lassen, Musik aus gut 350 Jahren singend zu ergründen. Am sprachlichen und klanglichen Ausdruck wurde gefeilt, «zuweilen bis zum Umfallen», erinnert er sich.

Gründung im Bach-Jahr 1985

Damit das nicht passiert, dürfen die rund vierzig Cantores an diesem Nachmittag sitzen. Ergriffen tönt es schon jetzt, aber durchaus frei, beflügelt von den grossen Bögen, der vielstimmigen Klangpracht von Monteverdis Chorsätzen. Ganz schlicht, nicht protzig möchte Schnetzler das «Ave maris stella» herüber bringen, «es ist ein einfaches, durchkomponiertes Lied». Er arbeitet an der Balance der Stimmen, achtet darauf, welche jeweils musikalisch das Sagen hat: Sie soll hervortreten. «Die Bassmotive hier fliegen aufeinander zu, das muss spritziger sein.» Gesagt, getan.

Geprobt wird, noch ohne Musiker, in der Teufner Grubenmann-Kirche, wo die Bach-Kantorei drei Jahrzehnte lang hauptsächlich gewirkt, Konzerte gesungen, Gottesdienste musikalisch gestaltet hat. Gegründet wurde der Chor im Bach-Jahr 1985, hervorgegangen ist er aus einem Konzertprojekt: den ersten drei Kantaten von Bachs «Weihnachtsoratorium». Die Kirche war damals bis zum letzten Stehplatz besetzt; das könnte sich am Samstag wiederholen, wenn der Chor sein Abschiedskonzert gibt. Wilfried Schnetzler, bald siebzig, will aufhören. Nicht die Musik, aber «das Drumherum» ist ihm zunehmend zur Last geworden – die aufwendige Organisation der Proben und Konzerte, die Vorstandsarbeit.

«Marienvesper» als Krönung

Claudio Monteverdis 1610 komponierte «Vespro della Beata Vergine» steht schon lange ganz oben auf Schnetzlers Wunschliste; in den Sechzigerjahren lernte er sie als Chorsänger kennen, seither träumt er davon, sie selbst aufzuführen. Doch sie erfordert «eine leistungsfähige vokale und instrumentale Besetzung», sagt er. Nun also wagt er sich heran, mit dem Alte-Musik-Ensemble la fontaine, mit dem er seit langem zusammenarbeitet. Mit Cantores, die ihm die Treue gehalten haben, neuen Projektsängern und zehn jungen Solisten, die Schnetzler auch chorisch einsetzt – für sie ist die «Marienvesper» ebenfalls ein Highlight. Die Gelegenheit, diese so üppig vertonten Psalmen zu singen, bietet sich nicht alle Tage. Für den Chor ist das Projekt der krönende Abschluss einer gemeinsamen Entdeckungsreise: unterschiedliche Epochen und vielfältige Musikstile brachte Wilfried Schnetzler den Sängern nahe. Auf fast sechzig Konzerte und Gottesdienstmusiken können sie zurückblicken, mit Monteverdi gehen sie noch einmal an die Quellen ihres Stammrepertoires.

Den Sängern viel zugetraut

Viele Mitglieder sind oder waren Musiklehrer; alle pflegten sich selbständig auf die Proben vorzubereiten. «Mir war wichtig, gleich mit der eigentlichen musikalischen Arbeit beginnen zu können, ohne erst die Stimmen einstudieren zu müssen», sagt Schnetzler. «Er wusste stets genau, was er uns zutrauen konnte», so sieht es Marianne Elliker, Gründungsmitglied. Unermüdlich sei Wilfried Schnetzler gewesen, sagen langjährige Choristen, uneitel, auf die Musik konzentriert.

Das hat immer wieder auch junge Sänger angezogen. Manuel Walser etwa, der jetzt Karriere an der Wiener Staatsoper macht, die Sopranistin Gabriela Glaus, die mit dem Monteverdi-Projekt ihr Studium in Luzern durch Chorerfahrung ergänzt. Sie ist begeistert – vor allem von der spürbaren Freude aller Beteiligten an Monteverdis Musik.

Sa, 19.30 Uhr, ev. Kirche Teufen, So, 17 Uhr, Andreaskirche Gossau

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