Leben im Unrechtsstaat

Der gebürtige Rumäne Andrei Mihailescu lebt seit 1981 in der Schweiz und arbeitet als Informatiker an der ETH Zürich. Sein erster Roman thematisiert feinfühlig die menschliche Zerrissenheit in einem autoritären Regime.
17. September 2015, 02:36
ERIKA ACHERMANN

Andrei Mihailescus Roman «Guter Mann im Mittelfeld» spielt zwischen 1981 und 1984 in Rumänien. Mit Fussball hat er trotz des Titels wenig zu tun. Mihailescu hat zwei Milieus untersucht: die Nomenklatura anhand von Ilie Stancu und die urbane Mittelschicht am Beispiel von Stefan Irimescu. Die Architektin Raluca Stancu steht dazwischen. Weshalb interessieren Mihailescu gerade diese Zeitspanne, diese drei exemplarischen Figuren? «Weil man vieles, das heute in Rumänien geschieht, nur verstehen kann, wenn man die Achtzigerjahre unter Ceausescu kennt», erzählt Mihailescu beim Treffen im Café Gloria in Zürich.

Er selber ist 1981 als 16-Jähriger aus Rumänien geflohen und folglich mit dem «psychischen Druck der staatlichen Willkür» aufgewachsen. Und wie steht er zum heutigen Rumänien? Geflüchtet sei er nicht aus Rumänien, sondern «aus Ceausescus Diktatur, weil es für unsere Familie gefährlich wurde».

Sein Herkunftsland hat er in den letzten Jahren regelmässig besucht. In der Schweiz fühlte er sich gut aufgenommen und «wie von einer Adoptivmutter beschützt». Mihailescu hat an der ETH und an der Uni Zürich studiert, arbeitet heute als Informatiker und engagierte sich bis 2007 bei Amnesty International und in einem eigenen Verein für Menschenrechte. Dann hat er mit der Arbeit an seinem Roman begonnen.

Geheimdienst als Aufpasser

«Guter Mann im Mittelfeld» thematisiert die menschliche Zerrissenheit des Einzelnen unter repressiven Bedingungen. Und zwar in einer klaren Sprache, nah dran an den Figuren, an Menschen aus Fleisch und Blut und deren Courage im Überleben und dem Kampf um die Liebesbeziehung. Dies ist sowohl emotional als auch intellektuell nachvollziehbar. Und sehr spannend zu lesen. So fremd sind diese rumänischen Menschen uns ja gar nicht! Nur sind die Bedingungen in autoritären Staaten lebensgefährlich.

Hauptfigur des Romans ist der in Bukarest lebende Journalist Stefan Irimescu. Er hat nicht den Ehrgeiz, in Ceausescus Diktatur die Karriereleiter nach oben zu buckeln. In der regimetreuen «Stimme des Sozialismus» hat er zwar einige Jahre Lobgesänge auf den Proletarier-Staat geschrieben, denn er kannte nichts anderes. Allmählich erst beginnt er zu zweifeln: Bei der Recherche zu einer Reportage bekommt er einen emotionalen Steilpass von Bogdan Salajan, der 14 Jahre im Gefängnis sass. Vorsichtig fügt er in seine Reportage über das heruntergekommene Bukarester Ferentari-Viertel, in dem Salajan leben muss und das auch heute noch kein Ort für Touristen ist, die Wahrheit zwischen die Zeilen. Doch der Geheimdienst sitzt als Aufpasser in der Redaktion. Stefan landet im Gefängnis, wird spitalreif geschlagen. So wie die Securitate ihre ungehorsamen Genossen behandelte. Aber er gewinnt an Persönlichkeit und verliebt sich in Raluca Stancu, die Ehefrau eines Parteisekretärs. Eine gefährliche Liaison!

Zynisches Machtkalkül

Bogdan Salajan erklärte Stefan, dass es ein zynisches Machtkalkül war, den rumänischen Bauern ihre Würde zu nehmen. Sie massenhaft zu deportieren oder zwangsweise in die Stadt umzusiedeln, um Proletarier zu werden. Das hat auch Mihailescu erst nach seiner Flucht in die Schweiz erfahren. Am Beispiel von Ilie Stancu zeigt der Roman die Mentalität der Aufsteiger, die mit wenig Schulbildung sich in den Dienst des Regimes stellen und Gewinn daraus ziehen. Ceausescu, der selber nur die Grundschule besuchte, hat solche Leute auf hohe Posten berufen. Dieser Typus Parteikader gedeiht in allen Diktaturen.

Raluca Stancu ist Architektin, eigensinnig, unvorsichtig. Mutig hat sie deshalb Stefan zwar auf der Baustelle gerettet, als er fast erschlagen wurde. Sie lässt sich scheiden, aber um ihre Kinder nicht zu gefährden, geht sie Kompromisse ein: Sie schreibt die von ihr verlangte «Dankesbotschaft an Elena Ceausescu». Ob sie dabei nicht den Respekt vor sich selbst verliert?

Ein Rettungsboot

Stefan findet in diesem Land, das sich anfühlt wie «ein Schiff, das leckt» und in dem «der Kapitän jeden über Bord werfen lässt, der darüber spricht», für sich ein «Rettungsboot». Allerdings muss er den Weg allein gehen, dies sei vom Ende dieses spannenden Romans verraten. Er will sich nicht vor seinen Kindern schämen müssen. Deshalb entscheidet er sich für eine Position im Mittelfeld, dort, «wo die Typen rennen, die nie ein Tor schiessen. Sie rennen hin und her und geben dann den Ball weiter, oder sie bekommen nicht mal den Ball, aber sie stören ein wenig die Gegner.» Wie sich Stefan und Raluca einige Jahre später, nach der politischen Wende zurechtfinden, das möchte man in einem weiteren Roman von Andrei Mihailescu lesen.

Andrei Mihailescu liest am 21. September um 20 Uhr in der Kellerbühne St. Gallen.

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