Knoblauchkur im Zauberberg

TANZ DER VAMPIRE ⋅ Der Film von Roman Polanski zählt fünfzig Lenze, und das Musical «Tanz der Vampire» hat zwei Jahrzehnte auf dem Buckel. St. Gallen wagt einen Neuanfang und verlegt die Vampirposse ins Sanatorium.
08. Februar 2017, 05:37
Rolf App

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Ulrich Wiggers führt ein beneidenswertes Leben, er wohnt nämlich auf Mallorca. Vor sieben Jahren hat er Deutschland verlassen und ist nach Süden gezogen. Denn, sagt er, für ihn als Regisseur sei es «egal, ob ich in Berlin lebe oder eben auf Mallorca. Dort kann ich mich total entspannen und gut vorbereiten. Und es kommen gerne Kollegen her zu Vorbereitungsgesprächen.»

Auch der Choreograph Jonathan Huor hat ihn besucht für ein Projekt, das übernächsten Samstag am Theater St. Gallen Premiere hat. Und zwar in einer Neufassung, die sich stark unterscheidet von jenem Musical von Jim Steinman und Michael Kunze, das – 30 Jahre nach dem legendären Film von Roman Polanski – vor zwei Jahrzehnten in Wien das Licht der kulturellen Welt erblickt hat.

Aus dem Schloss wird ein Sanatorium

Noch unter Philipp Egli hat Jonathan Huor in St. Gallen getanzt, bei Ulrich Wiggers ist die Bekanntschaft frischer. Vor zwei Jahren hat er hier «Anna Karenina» sehr intim und intensiv inszeniert in einem Kulissenrund, in dem das Publikum Teil des Liebesdramas wurde. Jetzt steht er im selben Raum in der Lokremise und erzählt von einem Projekt, das andere Dimensionen hat. Links von ihm ist Hans Kudlichs niedlich-kleines Bühnenmodell aufgebaut, das mit dem alten Schloss aus dem Film nichts mehr gemein hat.

Es ist vielmehr ein Sanatorium, in dem dieser «Tanz der Vampire» spielt, ein Stück, in dem es, sagt Wiggers, auch um die grenzenlose Gier des Menschen geht. Die Vampire übrigens haben einen grossen Schritt in die Gegenwart getan. Der Kostümbildner Franz Blumauer orientiert sich an neuen Vampir-Adaptationen wie «Twilight» und «Vampire Diaries», und Ulrich Wiggers, der früher den Wirt Chagal gespielt hat, hatte «schon immer das Gefühl, man könnte es doch auch mal anders machen». Also hat er es getan, nachdem das Theater St. Gallen von den Autoren grünes Licht bekommen hat. «Natürlich lassen wir Musik und Text unangetastet», versichert Peter Heilker, Chef der Musiktheatersparte. Und Theaterdirektor Werner Signer macht deutlich, dass man etwas Besonderes gesucht habe zwischen Michael Kunzes – mittlerweile in Wien heimisch gewordenem – «Don Camillo und Peppone» und der nächsten Uraufführung in einem Jahr, in deren Zentrum die Erstbesteigung des Matterhorns stehen wird.

Thomas Borchert, ein alter Bekannter

Zwischen dem streitbaren Dorfpfarrer vom Po und den tödlich ehrgeizigen Männern am Berg machen sich nun also die Blutsauger ans Werk. In des Grafen von Krolocks Sanatorium mit seinen Knoblauchkuren wird freilich nicht leicht zu unterscheiden sein, wer Vampir ist und wer nicht. «Das Publikum muss aufpassen», rät Ulrich Wiggers. In Thomas Borchert wird es einen alten Bekannten wieder treffen, der den Grafen von Krolock ­bereits in Hamburg, Berlin und Wien gespielt hat und seinen Text deshalb aus dem Effeff kennt. Dass er es dennoch nicht an stimmlichem Einsatz fehlen lässt, beweist er bei der Präsentation, zuerst allein, dann im Duett mit Mercedesz Csampais Sarah, eskortiert von den übrigen Sängerinnen und Sängern. Unter ­ihnen Tobias Bieri als Alfred und Sebastian Brandmeir als wortakrobatischer Professor Abronsius.

«Man muss eine andere Komik finden»

Die Gier, das ist das eine Stichwort, das Ulrich Wiggers bei der Charakterisierung seiner Annäherung an den Stoff fallen lässt. Dennoch hat er nicht im Geist unserer Zeit eine Bank zum Schauplatz gemacht. Ob ihm das zu naheliegend war? «Ja, vielleicht», sagt er. «Aber ich dachte auch an die Schweiz, an Thomas Manns ‹Zauberberg›. Und da lag das Sanatorium nahe.» Ausserdem: «Man muss eine andere ­Komik finden als in Polanskis Aufführung. Zum Beispiel über Knoblauchkuren, die in diesem Sanatorium angeboten werden.»

Was man nicht sieht – nicht sehen kann – , das ist das, was Jonathan Huor mit Ulrich Wiggers auf Mallorca besprochen hat. Es ist das tänzerische Element, das noch verborgen bleibt, das aber einiges Gewicht bekommen soll. Immerhin heisse das Musical «Tanz der Vampire», streicht Wiggers hervor.

Letzte Frage an ihn: Warum eigentlich faszinieren uns Vampire so sehr? Wiggers wird an diesem Punkt sehr philosophisch. «Die Menschen wünschen sich ja oft, sie könnten ewig leben», sagt er. «Aber gerade die Ewigkeit macht die Vampire wahnsinnig. Sie langweilen sich zu Tode, ­können aber nicht sterben.» Was wahrlich tragisch ist.

Premiere: Samstag, 18.2., 19.30 Uhr, Theater St. Gallen


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