Erdbeertörtchen mit Knoblauch

KABARETT ⋅ Lorenz Keiser macht diese Woche mit seinem neuen Programm «Matterhorn Mojito» in der St. Galler Kellerbühne Halt. Das ist messerscharfe Politsatire auf hohem gedanklichem Niveau und in virtuosem Tempo.
06. April 2017, 05:17
Martin Preisser

Von den «Gewaltverbrechern in der helvetischen Geschichte» bis zu den heutigen Vermögensverwaltern: Zwischen beiden bestehe nur ein gradueller Unterschied, findet Lorenz Keiser. «Wir Schweizer lieben Gewalt», rundet der Zürcher Politkabarettist seinen bravourösen und leidenschaftlichen Abriss der Schweizer Geschichte seit der Schlacht von Morgarten ab.

Lorenz Keiser, der fast ohne Requisiten auskommt, setzt voll aufs Wort, verknüpft seine Wortschlangen und Gedankengirlanden in virtuosem Tempo. Er hat als Bühnenfigur nochmals zugelegt, an Präsenz und Beweglichkeit. Das ist Kabarett von hohem intellektuellem Niveau. Entspannt zurücklehnen kann man sich da nicht, dafür sitzt man in der Kellerbühne gespannt fast auf der Stuhlkante. Und hängt Lorenz Keiser an den Lippen.

Ein höchst gelungener Schachzug ist es, wie er das Hauptthema Integration von Flüchtlingen angeht und es in die Rahmenhandlung einbettet, in die Schwierigkeit, heute ein paar Freunde mit ihren extrem unterschiedlichen Essgewohnheiten überhaupt noch für ein Nachtessen zusammenzubringen. Meisterhaft, wie Lorenz Keiser dabei individuelle Befindlichkeiten und die dramatische Situation der Welt miteinander verquirlt.

An die Schweizer kann man sich nicht anpassen

Perfekte Pointen und bitterböse Analyse – hier bewegt sich Lorenz Keiser nonstop und traumwandlerisch in der genauesten Balance. Spritzig, aber beissend scharf, zwischen lässigem Entertainment und aufrüttelnder Betroffenheit. Politisch bekommt es die SVP vielleicht am faustdicksten ab, aber nicht nur sie. Und eine wichtige These des Abends: Man könne sich als Ausländer gar nicht an die Schweizer anpassen, in der Vergangenheit nicht und heute nicht. Ganz einfach, weil die Schweizer selbst Weltmeister der Anpassung seien.

Keisers zweistündiger Parcours durch eine Welt, die «völlig ausgewechselt» ist, lebt von verbalen Rundumschlag-Wortkaskaden, die es in sich haben. Nicht nur, wenn er SVP-Nationalrat Andreas Glarner im Beautycenter trifft, wo dieser sich «seine Problemzone Kopf» behandeln lässt.

Politik und Essgewohnheiten, das verklammert Lorenz Keiser zu einem sehr empfehlenswerten Kabarettabend. Unvergesslich bleibt die Zauberformel des Satirikers: Den Bundesrat vergleicht er mit einem Erdbeertörtchen, das mit fünf Erdbeeren und zwei Knoblauchzehen garniert ist.

Martin Preisser

martin.preisser

@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: 6.–8.4., je 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen


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