Ein verletztes Festival-Herz

ST.GALLEN ⋅ Trotz grossartigem Line-up mit 17 spannenden Bands und rund 2000 Gästen bleibt beim OK des fünften Weihern Open-Airs ein unnötig bitterer Nachgeschmack.
19. September 2016, 11:00
Michael Hasler

Samstagnachmittag, knapp zwanzig Grad, und die Drei Weieren schenken den vielleicht 150 anwesenden Besucherinnen und Besuchern des gleichnamigen Festivals ihr schönstes Gesicht. Auf einem Areal, das dank des Badeweihers von seiner geographischen Schönheit her vielleicht nur mit dem Lakeside Festival bei Klagenfurt vergleichbar ist, steuert Solotrium mit seinen country-folkigen Gitarrenklängen und seiner bluesigen Stimme den perfekten – will heissen – geradezu schwebend-meditativen Soundtrack zum Festival-Setting bei.

Ganz und gar nicht meditativ sieht just in diesem Moment die Innenwelt von Festivalgründer Dario Aemisegger aus. Statt sich dem, wie er sagt, «grossen Herzen» dieses Festivals hingeben zu können, telefoniert er seit Stunden abwechselnd mit der Polizei und der Presse. Der Kern der Unannehmlichkeiten kreist um eine Handvoll Lärmklagen, welche einzelne Personen in einer für ihn teilweise befremdenden Art und Tonalität bearbeiteten (die Ostschweiz am Sonntag berichtete gestern ausführlich). Für Aemisegger ist dieser erneute Vorfall ein Flashback, wie er ihn seit Beginn dieses Festivals kennt. In den fünf Jahren, in denen der Gewerbeschullehrer seine Vision mit Hingabe, Umsicht, enormem Engagement und persönlichem finanziellem Risiko peu à peu umsetzt, kämpfte er immer wieder gegen die Windmühlen der Bürokratie an. Anfangs verunmöglichte ihm der spezielle Festivalort einer offiziellen Badi das Ausschenken von Alkohol. Hinzu kam die Vorgabe, das Festival mit einer Maximalbeschallung von 93 Dezibel durchzuführen. Als sich Stiller Has 2013 über diese Vorgabe hinwegsetzte, bekam das wohl schmuckste, weil filigranste Musikfestival der Region mit Stadtrat Markus Buschor unverhofft einen Fürsprecher – was prompt zu einer Lösung führte.

100 Helfer und ein «Bademeister»

Nach den organisatorisch herausfordernden Startjahren schien sich das Festival bei seiner nunmehr fünften Ausgabe endlich von seinen Altlasten zu befreien. Mit einem Budget von etwas über 100 000 Franken gelang es dem mittlerweile von einem mehrköpfigen Organisationskomitee abgestützten Event, 2016 ein dreitägiges Festival mit 17 vielfarbigen und teilweise hochkarätigen Bands zu orchestrierten. Auch die immer wieder von den Gästen geforderten überdachten Plätze konnten unter anderem mit einem Festivalzelt realisiert werden, und artig sichern die Betreiber auch das Naturbad mit einem eigenen «Bademeister» inklusive Boot. Mit der Professionalisierung des Festivals und dem Bearbeiten der diversen Vorgaben sind aktuell rund 100 Helferinnen und Helfer (davon 12 Sicherheitsleute) nötig, um das Festival stemmen zu können.

Fast 45 Minuten lang hat Aemisegger nun ununterbrochen telefoniert, erneut mit der Presse. Als Zugabe wartet bereits der zuvorkommende Quartierpolizist auf ihn, mit dem er die Ereignisse des Vorabends noch einmal bespricht. Danach wird Aemisegger entspannter, nimmt sich Zeit für einen Kaffee und hört genüsslich, wie im Hintergrund Emanuel Reiter seine feinen Songs in den Nachmittagshimmel singt. Nach dem fulminanten Auftritt das Appenzellers Marius Bär inklusive Band leuchtet das Gesicht des Festivalgründers. Nachdem viele der Gäste den donnerstagabendlichen Auftritt von Pippo Pollinas Sohn Faber als persönliches Festival-Highlight bezeichneten, ist es der wunderbar poetische Singer/Songwriter Stu Larson, der das verletzte Herz dieses Festivals mit seinen Miniaturen in seinem fünfzigminütigen Auftritt wieder heilt. Und spätestens als Carrousel aus Delémont nach dem etwas vorhersehbaren Auftritt von Shem Thomas die Bühne betreten, dreht sich die Welt über St. Gallen wieder so, wie sie dies immer tun sollte: weltoffen, grosszügig und mit unbürokratischer Leichtigkeit.


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