Ein Brauch auf vielen Schultern

Im Toggenburger Museum werden die Besucher in einer zweijährigen Wechselausstellung in die historischen Hochzeitsbräuche der Region eingeführt. Einer hat es Kuratorin Christelle Wick besonders angetan.
20. August 2015, 02:35
CHRIS GILB

LICHTENSTEIG In einer Zeit, in der noch wenige asphaltierte Strassen auf die Hügel des Toggenburgs führten, trafen sich nach der Hochzeit Familie und Freunde des Paares, um den Hausrat der Braut in das Haus des Mannes zu transportieren. Bei der «Brutfuederträgete» wurden die damaligen Möbel kilometerweit von den Männern auf dem Rücken getragen, während die Frauen den Inhalt der Möbel, etwa das Geschirr, transportierten. Die Träger hatten dabei ein praktisches Helferlein namens Kastenbock, das Lieblingsobjekt von Museumskuratorin Christelle Wick. Die 48jährige studierte Ethnologin mit wildem rotem Haar ist seit 2012 Kuratorin des Toggenburger Museums.

Drei Kastenböcke

Mit einem Team von fünf Personen betreut sie das Museum als Hobby, wie sie es nennt. Hauptberuflich ist Wick Koordinatorin Asylwesen der Stadt Wil. Die Ausstellung «Hochstig, Brautfuder, Funkensingen und andere Hochzeitsbräuche» im Untergeschoss des Museums ist die erste Wechselausstellung, die sie ohne Mithilfe anderer Institutionen realisiert hat. «Unser Museum ist an sich wissenschaftlich und kulturgeschichtlich ausgerichtet, ich erfahre aber immer wieder, dass den Menschen das Brauchtum sehr wichtig ist. Deshalb will ich in den Wechselausstellungen darauf eingehen», sagt die Kuratorin. Auslöser für die aktuelle Ausstellung seien die drei Kastenböcke gewesen, die schon länger im Museumsbesitz sind. Ein ganzer Bereich der Ausstellung widmet sich dem Holzgestell, das zwischen Schultern und Möbelstück eine tragende Rolle übernahm. «Mit dem Kastenbock geht eine ganze Tradition einher. Dies macht ihn für mich so besonders», sagt Wick. Diese Tradition sei eingegangen, da Strassenbau und der Einsatz von Transportwagen sie unnötig machten. Die Innenausstattung des Hauses der Eheleute brachte damals die Frau ins gemeinsame Leben ein. «Es war Tradition, dass die Frauen zur Konfirmation und anderen Anlässen jeweils ein Möbelstück geschenkt erhielten, um so die spätere Aussteuer langsam aufzubauen.» Um zu sehen, wie vermögend sie wirklich war, versammelte sich dann auch das ganze Dorf, um der Brutfuederträgete beizuwohnen. Wick zeigt auf die Vergrösserung einer Postkarte aus dieser Zeit, die den Brauch als Sujet hat. «Hier wird die Brutfuederträgete romantisch dargestellt. Die Karte entstammt einer Zeit, als die Tradition schon langsam einging, weshalb sie idealisiert wird», sagt Wick.

Anstrengender Brauch

Denn in Wahrheit sei die Brutfuederträgete eine körperliche Anstrengung sondergleichen gewesen. Konnten die zweitürigen Schränke noch auseinandergenommen werden, mussten die eintürigen als ein Stück transportiert werden. «In die Schränke wurden für den Transport Löcher gebohrt, an denen der Kastenbock befestigt werden konnte.» Schwarz-Weiss-Fotos in der Ausstellung zeigen eine Umzugsgruppe, wie sie auf einer Wiese zwischen Schränken und Kommoden rastet. Bei der Brutfuederträgete habe alles seine Ordnung gehabt. An erster Stelle im Zug seien die Kommoden gekommen, dann die Schränke, später Kanapee, Tische und Stühle, erinnert sich Ida Bleiker, Zeitzeugin des Brauchs aus Ebnat-Kappel, in einem historischen Schriftstück. Man hört ihren Bericht an einer Hörstation in der Wechselausstellung. Die Hörstation besteht aus einem abgesägten Heizungsrohr, auf dem ein mp3-Player liegt. «Für einen richtigen Sockel haben wir kein Geld gehabt. Es ist wie mit vielem in einem kleinen Museum: Wir müssen kreativ improvisieren», sagt die Kuratorin. Der gleiche befreundete Sanitärmonteur, der für die Ausstellung die Hörstation gebastelt hat, hat anhand eines Fotos, eine überdimensionale Figur eines Trägers aus Blech nachgebaut.

»Die Brutfuederträgete war eindeutig ein Brauchtum der begüterten Leute», sagt Wick. «Wir haben oft das Problem, dass aus der Geschichte der Ärmeren keine Erinnerungsstücke vorhanden sind, weil nur die wertvollen aufbewahrt wurden.» Einen typischen Gebrauchsgegenstand, zum Beispiel eines Lumpensammlers, könnte das Museum somit nie ausstellen.

Singende Turner zu Besuch

Auch einem anderen Brauch, der bis heute besteht, wird in der Ausstellung in Form eines Kurzfilms nachgegangen: dem sogenannten Funkensingen. Jährlich vor dem Funkensonntag in Lichtensteig zieht eine Gruppe des Turnvereins Ebnat Kappel in Fracks durch das Dorf, um Frischvermählte mit Ständchen zu verwöhnen. Mit diesem heutigen Brauch hatte die Brutfuederträgete eines gemeinsam – nach vollbrachter Tat wurde ordentlich geschlemmt und getrunken.

Öffnungszeiten und Informationen: www.toggenburgermuseum.ch

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