Da müsste noch ein Schuss fallen

Eine offene Leseprobe kann zum tollen Diskussionsabend werden. Giuseppe Gracia las im Parterre33 mit Adrian Riklin sein erstes Theaterstück – ein Duell zwischen Psychotherapeut und Patient. Einen Bühnenvertrag hat er noch nicht.
02. September 2016, 19:55
HANSRUEDI KUGLER

ST. GALLEN. Man hat fast vergessen, dass Giuseppe Gracia im Grunde genommen ein Schriftsteller ist. Einer, der mit Sprache und mit Rollen experimentiert, in zornigen Romanen und fiebrig-deftiger Sprache den St. Galler «Sumpf» beschimpfte. Denn in seinem Hauptberuf ist seine Rolle klar: Als Informationsbeauftragter des Bistums Chur ist er seit 2011 Sprachrohr des als ultrakonservativ verschrieenen Bischofs Vitus Huonder. Sein präzises Denken und seine ruhige Klartext-Rhetorik hat Gracia bei Themen wie Frauenordination oder Homosexualität öffentlich und scheinbar seelenruhig unter Beweis gestellt. Immer dann, wenn das Bistum Chur in die Kritik gerät, steht er vor die Fernsehkameras und erklärt dem Publikum, was die katholische Lehre beinhaltet.

Am Donnerstag war er aber wieder einmal ganz der Schriftsteller – der neugierig Experimentierende und Provozierende. Zusammen mit Adrian Riklin las er sein erstes Theaterstück «Die letzte Therapie» vor. Es ist ein Kammerspiel für zwei Personen: Ein clever gebautes Psychoduell in zwei Akten zwischen einem Psychotherapeuten und seinem Klienten – und mit einer Pistole. Gedacht als Testlauf vor Publikum, das dann zu kritischem Feedback aufgefordert war, hat das sehr gut funktioniert. Die Diskussion dauerte fast so lange wie die Lesung. Wer Gracias Bücher kennt, war gespannt, wie viel kulturpessimistische Dogmatik man zu hören bekäme.

«Wir haben viel gestrichen»

«Vom Theater habe ich ja keine Ahnung», sagt Gracia vor der Lesung. Das ist natürlich untertrieben. Denn seinen Dürrenmatt und vor allem seinen Thomas Bernhard kennt Gracia sehr gut. Deren philosophische Tiefe und gallige bis groteske Sicht auf die Gesellschaft mag er. Dennoch, ein Theaterpraktiker war Gracia bisher nicht: Der Schritt vom Erzähler zum Theaterautor bedeute, Erklärendes in den Dialogen wegzulassen und der Gestik und Mimik der Schauspieler anzuvertrauen. «Wir haben deshalb in den bisherigen Leseproben viel gestrichen», sagt WOZ-Journalist Adrian Riklin, der bis 2002 das Kulturmagazin Saiten leitete und auch als Schauspieler und Dramaturg arbeitete.

Munteres Pingpong

Die Kürzungen haben dem Text hörbar gut getan. In einem munteren Pingpong entfaltet sich ein den professionellen Regeln der Therapeuten-Zunft gehorchendes Szenario. Hier der unbeherrschte, anklagende, depressive Patient und desillusionierte Journalist Brenner («in dieser Stadt wollen alle in Ruhe gelassen werden. Keine zwischenmenschlichen Risiken»), dort der nüchterne Zuhörer und Aufklärer Dr. Kissler («ich notiere: Zwischenmenschliche Risiken. Interessant»). Dramaturgisch geschickt lässt Gracia das therapeutische Setting kippen: mit der Pistole zuerst in einen Krimi, in eine Abrechnung wegen einer gemeinsamen Freundin, die sich umgebracht hat. Am Ende kippt es in das offene Ende der gesellschaftskritischen Anklage und psychologischen Demontage des selbstgefälligen, letztlich aber feigen Patienten Brenner.

Gepfefferte Gesellschaftskritik

Schon in «Kippzustand», Gracias 2002 erschienenem Roman lief ein zorniger Rückkehrer mit Mordabsicht und Gesellschaftsekel in seiner Heimatstadt herum. Man hört auch in «Die letzte Therapie» einen grob gezimmerten, plakativen kulturpessimistischen Zorn. Vorgetragen von einem verzweifelten Romantiker, der sich über die Beziehungslosigkeit beklagt und von einem Analytiker, der die Menschen als zu Waren degradierte Zombies bezeichnet. «Kollektive Onanie», sagt der Patient, «Männer sind nur noch kastrierte Raubtiere», sagt am Ende auch der Therapeut. Da pfeffert Gracia sein Stück gehörig. Diskussionsstoff aber gab das Stück reichlich. Die Aufmerksamkeit hatten Gracia und Riklin auf sicher. Die Reaktionen waren positiv, mit kritischen Einwänden: Dass die Pistole etwas gar nebensächlich auf dem Tisch liegt, dass die Figuren noch zu sehr Sprachrohre plakativer Gesellschaftskritik sind, dass der Therapeut zu wenig aus seiner professionellen Rolle herausgefordert wird. Und für das Ende gab es aus dem Publikum konträre Wünsche. Da wurde etwa ein gemeinsamer Amoklauf gefordert oder Dunkelheit mit einem Knall – ohne Aufklärung.


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