Carmen hautnah

PREMIERE ⋅ Mit David Philip Heftis erster Oper «Annas Maske» ging vorgestern am Theater St. Gallen ein faszinierendes Musikdrama über die Bühne. Musik wie Inszenierung setzten auf spannende Vielschichtigkeit des Stoffes.
08. Mai 2017, 09:31
Martin Preisser

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@tagblatt.ch

Die Oper endet überraschend, die Handlung entpuppt sich auch als Albtraum. Auf diesen Albtraum läuft «Annas Maske», das erste Bühnenwerk von David Philip Hefti, hinaus. Dieses Changieren zwischen Realität und Traum, zwischen dem tragischen Ende der Schweizer Opernsängerin Anna Sutter 1910 in Stuttgart und der Psychologie des «Carmen»-Opernstoffes, macht die Spannung dieses hochexpressiven Auftragswerks des Theaters St. Gallen aus, welches das begeisterte Publikum an der Uraufführung völlig gefangen nahm.

David Philip Hefti hat eine komplexe, anspruchsvolle und doch sinnliche Partitur geschrieben, die in der ersten Hälfte den Sängern fast kammermusikalisch diskret viel Raum lässt. Es ist das Filigrane, es ist die Klarheit in Heftis Musiksprache, welche die Handlung geheimnisvoll in Fluss hält. Diese präzise Emotionalität stets umzusetzen gelingt dem konzentrierten Sinfonieorchester St. Gallen unter Otto Tausk.

Inszeniert mit Klarheit und mit Geheimnis

«Warum nur denke ich so oft, ich werde Carmens Schicksal teilen? Hab ich geträumt?», lässt Librettist Alain Claude Sulzer Anna in seinem sehr dialogisch gedachten Text reflektieren. Traum und reale Opernhandlung, die Figuren und das rätselhafte Schicksal hinter ihnen: Hier findet die Regie, ähnlich wie die Musik, Bilder voll Klarheit, aber auch Geheimnis. Mirella Weingarten inszeniert «Annas Maske» wunderbar durchdacht auf drei fast immer gleichzeitig bespielten Ebenen. Ganz oben der kompetente Chor des Theaters St. Gallen (Einstudierung: Michael Vogel), wie eine moderne Variante des Chores in der griechischen Tragödie.

Der beeindruckendste Kunstgriff als Herzstück des Librettos und der Inszenierung: Die zweite Anna, ein Alter Ego, ein Schattenbild, und doch so real. Der Mord vollzieht sich an der geträumten, nicht an der realen Anna. Grossartige Höhepunkte werden hier erreicht im Doppel der singenden mit der tanzenden Figur. Mit stupender Synchronizität der ausgedrückten Emotionen. Maria Riccarda Wesseling singt mit grosser lyrischer Ruhe und intensiver schauspielerischer Präsenz die Anna, Beate Vollack tut ihr das als Tänzerin beeindruckend nach.

David Philip Hefti hat mit seiner sehr suggestiven, farbenreichen Musik auch viel Platz geschaffen für intensiven Belcanto. Er fordert von den Gesangssolisten eine Emotionalität, die aber klar ziseliert erscheinen muss. Das erreicht Maria Riccarda Wesseling mit der erwähnten lyrischen Kraft und ihrer sehr geschmeidigen Stimmführung. Und das erreicht Sheida Damghani als Pauline mit kraftvoller Virtuosität auch in den schweren Höhenlagen. Daniel Brenna als Aloys Obrist begeistert mit einer stimmlichen Direktheit und einer erstaunlichen Stringenz, mit der er den Liebeswahn des Anna-Verehrers spielt. Nik Kevin Koch als Albin Swoboda bildet dazu mit wunderbar schlank geführter Stimme den überzeugenden zweiten Liebhaber von Anna.

«Die Liebe ist wie ein Triller. Ein hohes C, ein D. Und sie dauert nicht länger als ein Walzer», sagt Anna. «Annas Maske» ist auch ein Kammerspiel über die Liebe und ihre oft unerklärlichen Facetten. Die Männer sind in dieser Oper in der Überzahl. Und auch die weiteren Akteure fallen durch hohe Konzentration auf (David Maze als Baron Putlitz, Riccardo Botta als Heid und John In Eichen als Weitbrecht).

Zwischen geträumter und gelebter Biografie

Stringent und wie in einem psychologisch packenden Thriller lockt die Inszenierung von Mirella Weingarten, die am Anfang nur auf Schwarz-Weiss-Ausstattung setzt und erst spät Farben wie Blau und Rot dazumischt, immer wieder mit dieser Konstellation der zwei Annas, mit diesem Strudel zwischen geträumter und real gelebter Biografie. Gekonnt kommt ein weiterer Handlungsstrang dazu, die Oper in der Oper: Anna Sutters eigenes Schicksal und das der Carmen, wie man sie aus Bizets Oper kennt. Anspruchsvoll und kurzweilig, facettenreich und intim: «Annas Maske» ist ein echter Wurf, die Geschichte eines sehr freien Geistes, der Albtraum von Liebe und Mord.

Ein starkes Bild am Anfang, als Pauline und Heid sich buchstäblich auf der toten Anna ihre Liebe schwören. Und ein starkes Bild am Schluss: Nur das Kind bleibt übrig bei diesem tragischen Stoff: Auch Leonardo Cerpelloni als Annas Sohn Gustav steht vor der toten Mutter, ebenfalls wieder der geträumten.

Weitere Aufführungen: 9., 17., 19., 23. Mai, je 19.30; 28. Mai, 14.30; 3. Juni, 19.30 Uhr, Theater St. Gallen.


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