Ohne Utopie keine Zukunft

GESELLSCHAFT ⋅ Der deutsche Soziologe Harald Welzer sieht mangelnde Visionen und Träume als Hauptproblem des 21. Jahrhunderts. Am Dienstag sprach er im Kinok St. Gallen im Vorfeld des Science-Fiction-Films «Inception».
12. April 2018, 07:40
Philipp Bürkler

Philipp Bürkler

philipp.buerkler@tagblatt.ch

1969 ist der Mensch erstmals zum Mond geflogen. Eine Reise zum Erdtrabanten war seit Menschengedenken eine Wunschvorstellung, eine Utopie. Mit der ersten Mondlandung wurde diese Utopie zur Realität. Der Mensch sah sich bestätigt, dass es sich zu träumen lohnt und mit Vorstellungskraft eine bessere Zukunft möglich ist. Seither gebe es jedoch einen Mangel an Utopien in unserer Gesellschaft, sagt der Berliner Soziologe und Bestsellerautor Harald Welzer. Er spricht von einer «Gravitation der Gegenwart», in der nur noch im Moment gelebt werde und nicht vorausschauend eine bessere Zukunft entworfen werde. Westliche Gesellschaften seien in der Gegenwart gefangen oder würden sich gesellschaftlich und architektonisch sogar auf vergangene Zeiten rückbesinnen. «In Berlin wird derzeit das Stadtschloss neu aufgebaut, das erinnert an Zeiten des Absolutismus und nicht an Zukunft und Fortschritt. Das ist völlige Fantasie­losigkeit.»

Der 59-jährige Welzer spricht im deutschsprachigen Raum über Zukunftsthemen und von einer besseren Welt vor Publikum seit Jahren ausschliesslich ohne Manuskript. An der HSG St. Gallen hat er eine Gastprofessur und unterrichtet dort unter anderem ein Kontextstudium, in dem die Studenten an konkreten Utopien arbeiten. In diesem Modul geht es unter anderem um ein mögliches Wirtschaftsmodell ohne Geld oder die Auswirkungen eines Grundeinkommens auf die Gesellschaft. Im Rahmen dieses Studiengangs zeigt die HSG zusammen mit dem Kinok St. Gallen regelmässig Filme zu Themen, die im Seminar behandelt werden. Beim Thema Utopie sei es jedoch schwierig gewesen, einen aktuellen Film zu finden. «Bis in die 1960er-Jahre gab es zahlreiche utopische Filme und Bücher, heute gibt es fast keine mehr, sondern nur noch Dystopien, die eine düstere Zukunft vor­aussagen.»

Träume als Ort der Utopie und Zukunftsvision

Der einzige Ort, in dem Utopien in der Fantasie noch gelebt würden, seien Träume, weshalb man sich mit den Kinoverantwortlichen schliesslich für den Film «Inception» von Regisseur Christopher Nolan aus dem Jahr 2010 entschieden habe, den das Kinok am vergangenen Dienstag mit einer Einleitung Welzers gezeigt hat. In dem sehr komplexen und vielschichtigen Science-Fiction-Film hat das US-Militär eine Möglichkeit geschaffen, Träume zu kreieren und diese bei anderen Menschen zu beeinflussen, ja sogar Gedanken einzupflanzen.

Dominick Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, muss darin in verschiedenen künstlich geschaffenen Traumebenen einem Erben eines Konzerns einen Gedanken ins Bewusstsein einpflanzen, damit dieser das Unternehmen aufteilt und so geschwächt wird. Cobbs Auftraggeber, Saito, möchte so ein drohendes Weltmonopol der Energieversorgung verhindern. Als Gegenleistung verspricht ihm Saito die haftfreie Rückreise in die USA zu seinen Kindern, da Cobb von der US-Justiz gesucht und beschuldigt wird, seine Frau getötet zu haben, nachdem sich diese umgebracht hatte, da sie nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden konnte.

«Inception» ist nicht nur ein Film über das Träumen, sondern eine visuelle Darstellung eines Traums sowie das Begehen, Ausbeuten und Manipulieren von Träumen. Tatsächlich begeben wir uns in Träumen in fremde Welten, die wir nicht steuern können. Menschen sind in der Lage, nachts oder auch am Tag zu träumen und so der Wirklichkeit zu entfliehen und in eine utopische Welt abzutauchen. Träume seien in unserer Zeit noch die einzige Möglichkeit, sich eine andere Zukunft, eine alternative Welt vorzustellen, erklärt Welzer. Modernen Gesellschaften sei das Träumen für eine bessere Zukunft abhanden gekommen, glaubt der Soziologe. Den einzigen utopischen Fortschritt würden heute lediglich Technologien und der Konsum von Gütern sowie der Wunsch nach mehr Komfort bieten, der aber letztendlich nur der kollektiven Bequemlichkeit diene. «Wir wollen immer grössere Autos und grössere Wohnungen, und das Schlafen wird von Algorithmen kontrolliert, eine wirkliche soziale Verbesserung der Qualität des Lebens findet aber nicht statt.» Stattdessen befänden sich die Menschen in einem permanenten Zustand des Unglücklichseins.

Kultur und Politik der Angst im 21. Jahrhundert

Ein Grund, weshalb uns Zukunftsvisionen abhanden gekommen seien, sieht Welzer in den Massenmedien und der Popkultur. Medien würden uns lediglich einen möglichen Vorschlag unserer Welt, wie sie ist, unterbreiten. Alternativen seien ausgeschlossen. Träume seien zudem zunehmend industriell durch Konsum vorgefertigt. Konsum befriedige jedoch nur die kurzfristigen Wünsche. Als aufgeschlossene Individuen sei es aber unsere Pflicht, zu sagen, es gäbe auch andere Vorstellungen des Lebens .

Neben der Reduktion von Konsum sieht Welzer vor allem eine Lösung für die Probleme des 21. Jahrhunderts. «Wir müssen den Traum des Vorwärtskommens wieder zurückerobern und wieder eigene Zukunftsbilder entwickeln, um sozial und kulturell weiterzukommen.» Nur so könnten die gegenwärtige Kultur der Angst in Politik und Gesellschaft, welche auch den Aufstieg rechter Parteien in Europa ermögliche, sowie Kriege und Krisen verhindert werden.


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