«Ohne Spiel ist Kunst geronnene Mühe»

POPKULTUR ⋅ Sven Regener ist Kult – auch in der Schweiz. Die mag er sehr gerne, auch wenn das «Tessin jenseits ist». Ebenso schätzt er Shakespeare, die Schwaben und einen Schauspieler, dem er komplett recht gibt.
05. November 2017, 05:17
Interview: Susanne Holz

Interview: Susanne Holz

Wir treffen uns mit Nordlicht Sven Regener an einem lichten Oktobertag mitten in Zürich. Der deutsche Autor und Bandleader ist bester Dinge, trotz Erkältung – 2017 ist aber auch ein prima Jahr für Regener: Sowohl im Kino als auch im Literaturbetrieb macht er von sich sprechen.

Sven Regener, «das Wortkarge eint die ‹Nordies›». Das sagt Charly Hübner, Hauptdarsteller in der Verfilmung Ihres Romans «Magical Mystery». Sind Sie wortkarg?

Absolut nicht. Ich bin eine Quasselstrippe, immer gewesen. Das hat mich zum Aussenseiter gemacht. Wobei, ich komme aus einer grösseren Stadt als Charly, das spielt auch noch mal eine Rolle. Und wollte immer in eine noch grössere Stadt – nach Berlin, denn da kann man noch mehr Leute vollquasseln. Was ich aber auch mag: Mit zwei Worten einen ganzen Satz sagen. Ich mag das Lakonische, auch wenn es nicht unbedingt meine Kernkompetenz ist.

Hübner meinte zudem, Norddeutsche seien ironisch und melancholisch. Ertappt?

Ja – wer ist das nicht? Ich möchte dem Charly überhaupt nicht widersprechen, ich gebe ihm einfach mal komplett recht. Er ist so ein netter Kerl und so ein guter Schauspieler, ich habe ihm viel zu verdanken – insofern hat er einfach recht.

Persönlich fand ich «Magical Mystery» einen super Film, die Performance von Hübner war klasse.

Charly ist ja als Karl Schmidt im Film auch sehr wortkarg, was aber nicht damit zu tun hat, dass er Norddeutscher ist, sondern damit, dass die Figur, die er spielt, eine schwere psychische Kränkung erfahren hat. Diese Psychose macht ihn unsicher und wortkarg. Er traut sich nicht recht.

Karl Schmidt hatte eine Psychose, Verrücktheit ist Thema in Ihren Romanen «Herr Lehmann» wie «Magical Mystery». Auch im Neuling, «Wiener Strasse». Sie schildern den Zustand von Karl Schmidt sehr einfühlsam. Sind Ihnen seelisch derangierte Menschen vertraut?

Ja, ich kenne viele Leute, denen Psychosen passiert sind. In der Notaufnahme einer Psychiatrie war ich kürzlich allerdings zum ersten Mal und erstaunt, wie sehr da alles so ist, wie ich es am Ende von «Herr Lehmann» beschreibe, als dieser Karl Schmidt in eine solche bringt.

Kippen Leute psychisch einfach weg, sind da meist Drogen im Spiel?

Ja, natürlich. Das ist oft der Fall.

Shakespeare beschreibt Verrücktheit ähnlich sympathisch, wie Sie das tun – mögen Sie Shakespeare?

Der ist schon cool. Trinculo und Stephano und so (Hofnarr und Kellermeister in «Der Sturm»; A. d. Red.), diese Figuren, die durchs Unterholz dieser Königsdramen marodieren. Und immer wieder auf dem Schlachtfeld auftauchen und ihre Spielchen machen, das ist schon toll.

Punkto Verfilmung von «Magical Mystery», hatten Sie Einfluss auf sensible Szenen, oder haben Sie das Filmteam einfach machen lassen?

Ich hab ja das Drehbuch geschrieben. War eine schöne Arbeit, zusammen mit dem Produzenten und dem Regisseur, aber natürlich ist ein Drehbuch auch immer nur ein Anhaltspunkt. Von den Schauspielern wird es dann auch noch umgeschrieben, auf eine Weise. Da hat man keinen Einfluss drauf, und ich bin auch kein Kontrollfreak, was die Gestaltung der Szenen betrifft.

Was sagt Ihnen persönlich eigentlich die im Film gezeigte Techno-Szene?

Ach, ich gehörte im engeren Sinne nie dazu, aber ich kenne beziehungsweise kannte da die meisten. Jetzt kenne ich noch ein paar mehr. Ende der Achtzigerjahre wurden viele Leute in der technoaffinen Szene etwas, mit denen man vorher in einer Band gespielt hatte ... Man konnte nicht in Berlin leben damals, ohne diese Szene irgendwie wahrzunehmen. Ich habe dann auch in sie reingeheiratet – meine Frau, Charlotte Goltermann, war eine grosse Gestalt in der deutschen elektronischen Musik.

Die Gefühle Ihrer Romanfigur Frank Lehmann für seinen besten Freund Karl Schmidt beschreiben Sie einmal so: «Er hatte Respekt vor allen Leuten, die sich der Kunst widmeten, wie überhaupt vor allen, die sich in etwas hineinsteigern konnten.» In was steigern Sie sich gerne hinein?

Geht es darum, seine ganze Energie einer Sache zu widmen: dann in Element of Crime. Die Band gibt es seit 1985. Ich hab ihr die Hälfte meines Lebens gewidmet, andere Bandmitglieder auch. Da muss man Beharrlichkeit mitbringen.

Beharrlich produzieren Sie auch poetische Bilder in Ihren Liedern – fallen die Ihnen einfach ein?

Ja, die fallen mir einfach ein. Wir machen zuerst die Musik und ich dann den Text. Die Musik machen wir zusammen – Rockmusik ist ja eine bandorientierte Sache. Zuerst die Musik, dann der Text.

Eine Freundin von mir meinte übrigens: Frag ihn auch noch: «Wie geht es Ihnen?» – in Anspielung auf das Lied «Die schönen Rosen» ...

Das ist aber aus dem Lied «Ohne dich» ...

Genau, das Lied heisst «Ohne dich» ...

... und die Platte heisst «Die schönen Rosen» ...

Richtig, tut mir leid ... Und der Satz heisst: «Und schön, dass du fragst, wie es mir geht.»

Also, es geht mir gut genug, um mich zu erinnern, dass das aus dem Lied «Ohne dich» ist. (lacht)

Eines meiner Lieblingslieder ist «Am Ende denk ich immer nur an dich». Da gibt es diese Spielplatzszene, mit dem Kind, das ein Bein stellt, und dem Erdbeereis, das auf die teuren Kleider tropft ... Ist das selbst erlebt oder fantasievoll erfunden?

Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich erlebt, vielleicht erfunden? Es ist ja auch nicht schwer, sich vorzustellen, wie eine Mutter über das Bein von einem Kind stolpert. Das ist nichts wahnsinnig Unrealistisches. Es ist nicht so, dass ich extra rausgehe, um mich inspirieren zu lassen. Man erlebt eh viel jeden Tag. Ich erinnere mich bei vielen Songtexten gar nicht daran, wie ich auf sie gekommen bin.

Das Album von 2009, «Immer da wo du bist, bin ich nie», habe ich wochenlang mit meinen Kindern gehört. «Der weisse Hai», den fanden sie besonders cool.

«Der weisse Hai» ist aber auch super geeignet für Kinder.

Hören Ihre eigenen Kinder Ihre Lieder auch gerne?

Als sie noch klein waren, ja. Jetzt wollen sie ihre eigene Musik haben. Sie kommen aber auch mal auf Tournee mit, das passt schon. Sie kriegen mit, was ich singe, schreibe – sie haben gar keine Wahl.

Wann gibt es ein nächstes Album?

Im Herbst nächsten Jahres, so Gott will. Drei Songs sind geschrieben, zehn oder zwölf brauchen wir noch.

Wie wird es sich anhören?

Element of Crime hat einen gewissen Stil, den man nicht verleugnen sollte.

Anderes Thema: Ihr neuer Roman, «Wiener Strasse», widmet sich viel der Kunst- und Performanceszene. Wie vertraut ist Ihnen diese?

Für das Buch hat es gereicht. Man kann auch nicht in den Achtzigern in Westberlin gewesen sein, ohne dass man diese Szene kannte. Sie war omnipräsent. Alles war miteinander verwoben – Popmusik, Performance. Es war eine Zeit, in der alle Kunst entakademisiert wurde und sich jeder traute, mitzumachen. Das hat zu einer Explosion geführt, viele fingen an, Kunst zu machen. Es war schon bemerkenswert. Ich kam aus Bremen nach Berlin. Wo es alles gab, und was es nicht gab, das hätte man sich vorstellen können, dass es das gibt. Der Roman ist weder unrealistisch noch übertrieben.

Haben Sie Vorbilder in Literatur und Musik?

Ja, sicher, aber da möchte ich nicht drüber reden, weil das immer so einen komischen Subtext hat zwischen anmassendem Namedropping und dem Resultat, sich selbst kleinzumachen. Das ergibt eine ganz komische Gemengelage, wenn man damit anfängt.

Sie schreiben so schön originell über Liebeskummer – hatten Sie selbst schon viel Liebeskummer?

Genug, um etwas davon zu verstehen. Aber das ist natürlich auch ein tolles Thema. Wenn Dinge auseinandergehen oder neu anfangen, dann sind das Wendepunkte im Leben, die einen auf das zurückwerfen, was man ist oder nicht ist. Das Thema ist immer gut, «Herr Lehmann» kriegt ja auch dadurch Schwung, dass sich Frank in diese Katrin verliebt. Damit ist schon mal klar, jetzt ist Stimmung in der Bude. Man verliebt sich in jemand, und plötzlich singen die Vögel.

Musik und Literatur – machen Sie beides gleich gerne? Oder wechselt sich das ab?

Wenn ich neue Songs schreibe, kann ich keinen Roman schreiben. Und wenn ich einen Roman schreibe, kann ich keine neuen Songs schreiben. Dinge im Kopf durchzuwälzen, das kann man nicht mit zwei Sachen gleichzeitig machen.

Wie oft werden Sie Frank Lehmann und Co. noch zum Leben erwecken?

Das kann ich nicht sagen. Es kommt auf die Lust an, wie sehr man die Idee verfolgen will. Das Ganze hat ja was von einem Kasperletheater mit seinen Figuren, Krokodil, Räuber, Grossmutter und so. «Wiener Strasse» hat was Derbes, was Neues, das hat mir gut gefallen. Es geht nicht mehr so sehr um Frank Lehmann, sondern mehr um Karl Schmidt, H.R. Ledigt, die ganzen Aktionskünstler.

Was mögen Sie eigentlich als Bremer an Berlin, in dem Sie leben und über das Sie so oft schreiben?

Ich wollte immer aus Bremen raus, ich wollte immer in eine grössere Stadt. Bremen war mir zu klein. Ich wollte immer in eine richtig grosse Stadt, und da haben wir in Deutschland nur Berlin. Berlin ist sehr, sehr gross. Das merkt man der Stadt auch an, die atmet das.

Was macht die Grösse Positives aus einer Stadt?

Sie schafft Freiheit, keiner interessiert sich dafür, was man tut. Man kann natürlich auch auf der Strasse verrecken, und das interessiert vielleicht auch keinen. Freiheit hat auch ihre Schattenseiten. Aber für mich kann es gar nicht gross genug sein, die Leute kümmern sich dann um ihre eigenen Sachen. Kann man als angenehm empfinden oder als kalt und unangenehm, je nachdem, wie man da disponiert ist. Für mich ist es genau das Richtige. In Berlin können Sie machen, was Sie wollen. Es juckt keinen.

Einer Ihrer Protagonisten heisst Erwin Kächele und kommt aus Süddeutschland. Wie findet man als Norddeutscher die Süddeutschen?

Süddeutschland, Norddeutschland. Das hat was mit Berlin zu tun. Berlin war in den Achtzigern die zweitgrösste schwäbische Stadt. Ganze Jahrgänge aus Reutlingen zogen komplett nach Berlin. Die haben da Firmen aufgemacht und haben das gemacht, was Schwaben halt tun. Sie haben was auf die Beine gestellt.

Waren die alle so geschäftstüchtig wie Erwin Kächele?

Entweder geschäftstüchtig, oder sie waren so richtige Punks. Aber auch die waren geschäftstüchtig, irgendwie. Ich kannte einen, der hat immer die elektrischen Sachen repariert, der war super. Der hatte so eine dänische Zwei-ZollBankmaschine, keiner wusste, woher er die hatte. Viele, die in den Achtzigern zuzogen, waren einfach Freaks.

Und wie finden Sie die Schweizer Mentalität?

Ich hab es nicht mit kollektiven Mentalitäten. Ich glaube, die Menschen haben einfach einen Charakter – ich kann sie nicht über einen Kamm scheren.

Kommen Sie gerne in die Schweiz?

Oh ja, ich komme gerne in die Schweiz. Ich zieh mir auch immer gleich Schweizer Geld aus der Hauswand, am Flughafen, weil ich es toll finde, mit anderem Geld zu bezahlen. Ich mag die Schweiz sehr gerne, habe auch als Musiker viel von ihr gesehen. Es gibt keinen Ort in der Schweiz, den ich nicht bereist habe.

Ehrlich? Westschweiz, Tessin, alles?

Tessin ist ’ne Ausnahme. Das ist irgendwie auch jenseits. Aber allein mit der Band, wo wir überall gespielt haben, La Chaux-de-Fonds, Basel, Zürich, Bern, Thun, Schaffhausen ...

Noch was anderes: Sie waren mit 16 Jahren Sekretär des Kommunistischen Jugendbundes Bremen ...

... mit 17 auch!

Genau, mit 17 auch ... Haben Sie heute Sympathien für die Linke?

Nein, mit dem Kommunismus hab ich’s nicht mehr so, aber ich bin ein guter Renegat geworden, so im Koestler’schen Sinne. Ich glaube auch, dass ich deshalb so stark darauf bedacht bin, Politik und Kunst voneinander zu trennen, weil ich der manipulativen Kraft von Kunst misstraue, wenn es um Politik geht. Wir sind als Künstler für andere Sachen zuständig. Kunst und Politik sind zwei verschiedene Dinge. Oder, um es als Ex-Marxist mal so zu sagen: Kunst und Politik, das sind zwei verschiedene Überbau-Phänomene.

Freut sich ein Ex-Marxist über Preise wie den deutschen Drehbuchpreis für «Herr Lehmann»?

Hey, das war der deutsche Filmpreis, in Gold.

Und der deutsche Drehbuchpreis ...

... den kenn ich gar nicht. (lacht) Aber ja, ich habe einige Preise bekommen, meist undotierte. In der Musik gibt es kaum dotierte Preise. Ich hab die Carl-Zuckmayer-Medaille bekommen, da gab’s 30 Liter Weisswein aus der Pfalz. Wahnsinnig nett. Sehr stolz bin ich auf den Spezialpreis der deutschen Schallplattenkritik. Ein Spezialpreis für meine Verdienste um Schallplattenproduktionen. Als Musiker wie Hörbuchinterpret wie auch als Produzent. Den finde ich toll. Ein altehrwürdiger Preis, nur was für Musikwissenschafter. Aber ich habe Preise nie auf der Rechnung gehabt, sie sind nett, aber es geht auch ohne sie zur Not.

Bei Ihren Büchern kann man preisverdächtig gut entspannen. Haben Sie sich eine kindliche Seite bewahrt, so wie Ihre Protagonisten?

Ich glaube, das muss man. Wenn man Kunst macht, dann spielt man vor allem auch. Kunst sehen viele als Arbeit. Für mich ist Kunst mehr ein Spiel. Ohne das spielerische Element ist Kunst geronnene Mühe. Und macht keinen Spass.

Nervt es Sie, wenn Leute Sie mit Frank Lehmann gleichsetzen?

Es geht. Die Leute wollen gern glauben, dass man die Figur ist. Das gibt dem Ganzen noch einen anderen Glanz.

Sie haben selbst nie gekellnert, so wie Frank Lehmann?

Nein, aber hart recherchiert dazu – das ging auch an die Gesundheit. (lacht)

Hinweis

Sven Regener liest im November mehrere Male in der Schweiz, und zwar am Sonntag, 12. November, um 17 Uhr in Basel – im Volkshaus, anlässlich des Literaturfestivals. Zwei weitere Male liest Regener in Zürich: Mittwoch und Donnerstag, 29. und 30. November, im «Kosmos», jeweils um 20 Uhr.


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