Niemand kennt die Frauen

PREMIERE ⋅ Franz Schrekers Oper «Die Gezeichneten» erlebte am Samstag eine erfolgreiche Premiere am Theater St.Gallen. Schrekers ­Musik ist eine Entdeckung und besitzt eine enorme farbliche Kraft, die auch die Solisten in den Hauptrollen eindringlich auslebten.
17. September 2017, 14:31
Martin Preisser
Die Szenen in den «Gezeichneten» hätten viel Stoff für Sitzungen auf Sigmund Freuds Couch abgegeben. Angesichts stärker, selbstbewusster werdender Frauen, die auch noch Künstlerinnen sind, waren die Männer Anfang des 20. Jahrhunderts stark verunsichert. Ein wenig erinnert man sich angesichts des hässlichen Alviano Salvago auch an den Komponisten Alexander Zemlinsky, der ziemlich brutal von Gustav Mahlers späterer Frau Alma ­Mahler abserviert wurde. Und an Mahler selbst, der wegen seiner Beziehung zu Alma Sigmund Freud aufsuchte.

Das Drama des hässlichen Mannes – Zemlinsky wollte von Franz Schreker ein Libretto, der hat es dann gleich selbst vertont. Wunderbar, dass das Theater St.Gallen den Stoff auf die Bühne bringt, in einer eindringlichen, klaren Inszenierung. Allzu sehr geht Regisseur Antony McDonald allerdings nicht in psychoanalytische Deutungsversuche, er erzählt den Stoff um die Gegenüberstellung von idealisierter, aber unerfüllter Liebe und solcher, die von Gier und Gewalt begleitet ist, fast ein wenig mit englischem Understatement.

Klarheit und Nachvollziehbarkeit der doch etwas verworrenen Geschichte um die Schenkung einer Insel, eines Elysiums, stehen im Vordergrund. McDonald hat ein gutes Gespür für die beiden unterschiedlichen Männerrollen, er rollt das Geschehen vor einer eher statisch, ja erst einmal fast «ordentlich» wirkenden Szenerie ab. Das verhilft aber der Musik zu kraftvoller Entfaltung.
 

Eine Musik mit kraftvollem Sog

Schrekers Musik ist eine faszinierende Entdeckung. Dicht, mit allen Stilen der Zeit um 1918 gewürzt, farbig, suggestiv: Dirigent Michael Balke ermöglicht ihr einen immer kraftvollen Sog und begeisternden Drive. Text und Musik sind, eben weil Libretto und Partitur aus derselben Hand sind, sehr aus einem Guss. Die Musik verbindet sich auf unerhörte Genauigkeit mit dem Text. Diese leidenschaftliche, im letzten Teil der Oper fast überbordende, ja explosive Kraft von Schrekers Musik war auch auf der Bühne stets zu spüren, weil Balke präzise auf die Solisten einging.

Statt auf Freuds Couch passiert in dieser Inszenierung im ersten Teil viel auf Tischen, besonders auf dem Billardtisch. Wenn die herzkranke Carlotta da mit dem Billard-Queue in der Hand mit Tamare flirtet, ist das eine der vielen libidinösen Assoziationen, die der Stoff hergibt, welche die Regie aber nur behutsam aufgreift, statt mit grellen ­Effekten oder komplizierten Bildern punkten zu wollen.

Claude Eichenberger als Carlotta war die grosse Attraktion dieser Opernpremiere. Man hing ihr vom ersten Moment an an den Lippen. Extrem präsent und natürlich, stimmlich praktisch makellos: Mit grosser Ruhe und Strahlkraft interpretierte sie diese schwere und einzige grosse Frauenrolle. «Niemand kennt die Frauen», heisst es in dieser Oper. Das gilt für Alviano Salvago wie für Tamare. Alviano begeisternd besetzt mit Andreas Conrad, der den hässlichen Alten bis zum verstummenden Schluss auch schauspielerisch zu einer speziellen Bühnenfigur macht. Alviano, der, was Frauen angeht, von «Angst vor dem Glück» geprägt ist, steht Tamare gegenüber. Jordan Shanahan, gesanglich sehr virtuos, spielt ihn als oft wie ein wildes Tier angetrieben scheinender Mann, rastlos, der sich die Frau, wenn er sie nicht als Frau bekommt, als Dirne nimmt.
 

Impotenz und Machismo als Gegenpole

Schönheit und Hässlichkeit, Impotenz und Machismo sind die Pole, zwischen denen sich die «Gezeichneten» bewegen. «Die Schönheit sei die Beute des ­Starken», ist einer dieser Macho-­Sätze, die ins Verderben führen. Nach der Pause wird der komplexe Stoff durch acht Tänzerinnen und Tänzer des Theaters aufgelockert, sie symbolisieren koboldhaft das Animalische, das auf diesem (als Bühnenbild jetzt ­etwas kitschigem) Elysium als Gegenpol zum Elysium als kulturellem Wert seine Kraft im Verborgenen lebt. Die Schönheit der hässlichen Schönheit, starke Bilder des verunsicherten Mannes, eine flirrende, faszinierende Musik, eine auf Transparenz setzende Inszenierung: Das sind die Ingredienzien einer verdienstvollen Produktion. Schrekers «Gezeichnete» sind eine echte Entdeckung. Man wundert sich, warum seine Musik erst jetzt eine Renaissance erlebt.

29.9., 4.10., 31.10., 7.11., 25.11., je 19.30 Uhr; 8.10., 14.30 Uhr, Theater, St.Gallen.

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