Nie richtig schreiben gelernt

AUSSTELLUNG ⋅ Das Museum Lagerhaus zeigt eine Retrospektive anlässlich des 80. Geburtstages des Basler Künstlers Walter Wegmüller. Seine Biografie als ehemaliger Verdingbub ist traurig, seine Bildwelt überraschend.
04. September 2017, 05:26
Philipp Bürkler

Philipp Bürkler

philipp.buerkler@tagblatt.ch

Walter Wegmüllers Bilder sind mystisch, mit psychedelischen Farben und traumartigen Figuren, die sich teilweise bis ins letzte Detail auflösen. Eines der Bilder heisst «der Frontfüssler» aus dem Jahr 1969. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt kaufte es ihm damals für 15000 Franken ab. «Das war eine Menge Geld», sagt Wegmüller.

Einige Monate später bereut Wegmüller den Verkauf. Er will das Bild zurück, weil «ich es noch nicht verdaut hatte». Mehr als zwei Jahre lang bittet Wegmüller Dürrenmatt vergeblich darum, ihm das Bild zurückzugeben. «Dürrenmatt verstand die Welt nicht mehr, er sagte: ‹Walter, bist du verrückt?›.» Am Ende haben sich die beiden geeinigt. Wegmüller zahlt Dürrenmatt die 15000 Franken zurück und überlässt ihm zusätzlich ein anderes Bild, dafür erhält er den «Frontfüssler» wieder. Das Bild ist eines der Hauptwerke in der Retro­spektive «Kunst, Krautrock und Tarot» im Museum im Lagerhaus St. Gallen, die bis Mitte November gezeigt wird.

Berner Behörden zerstörten sein Leben

In Wegmüllers Werken ist seine eigene von Leid geprägte Biografie sicht- und spürbar. Die Berner Behörden zerstören sein Leben kurz nach seiner Geburt. Weil seine Mutter eine jenische Fahrende ist und er 1937 unehelich geboren wird, nehmen ihn die Behörden seiner Mutter weg und stecken den Säugling in ein Kinderheim. Als Vierjähriger muss er auf einem Bauernhof arbeiten, wo er täglich schwer misshandelt wird. Die Misshandlungen dauern bis zum Alter von zwölf Jahren an, bis er auf einen anderen Bauernhof umplatziert wird, wo er wenigstens nicht mehr misshandelt wird. Dafür plagt ihn nun der Lehrer. Obwohl er die Misshandlungen beweisen kann, wird er wieder in ein Heim gesteckt, wo er vom Heimleiter belästigt wird.

Erst nach einer Weile darf er die Schule wechseln. Mit seinem neuen Lehrer versteht er sich so gut, dass sogar sein Interesse an Literatur, Kunst, Malen und Geschichtenerzählen geweckt wird. Mit sechzehn verlässt Wegmüller die Schule und beginnt gegen den Willen seines Vormundes – dieser sieht seine Berufung als Bauer – eine Lehre als Flachmaler. Erstmals im Leben erfährt er, wie es ist, während der Arbeit nicht geschlagen zu werden. Nach einer Grafikerlehre findet der junge Mann zu Beginn der 1960er-Jahre den Weg zur Kunst. Anfänglich sind seine Werke surrealistisch im Stile von Salvador Dalí, doch bald entwickelt er einen eigenen Stil, der Gegenständliches und Abstraktes, Surrealistisches und Alltägliches sowie Naives und Virtuoses vermischt.

1974 schafft der damals 37-Jährige den internationalen Durchbruch mit seinen legendären 78 «Zigeuner-Tarot»-Karten, die an seine jenische Herkunft erinnern. In dieser Zeit arbeitet Wegmüller auch mit dem späteren Alien-Designer HR Giger zusammen und schafft mit ihm monströse Fantasiewelten oder singt auf einer deutschen Krautrock-Platte einen eigenen Song und gestaltet das Plattencover.

Kunstwerke aus farbigen Pillen

Einen Tiefschlag erlebt Wegmüller mit 32. «Als meine Kinder noch klein waren, war ich mit einer Frau verheiratet, deren gesamte Familie depressiv war.» Während zwei Jahren zieht er seine Kinder alleine auf. «Meine Frau hat wegen der psychischen Erkrankung immer nur geschlafen.» Sein Leben sei während dieser Zeit so kompliziert und ­belastend gewesen, dass er an einem Magengeschwür litt. «Der Arzt gab mir verschiedene farbige Pillen, die ich aber nicht geschluckt habe.» Anstatt mit den Pillen gesund zu werden, gestaltete Wegmüller mit den farbigen Tabletten drei Kunstwerke. «Eines der Bilder wollte ich sogar dem Arzt verkaufen, der hielt mich aber für verrückt», erzählt Wegmüller mit einem Lachen. Auch ohne die Pillen sei das Magengeschwür schliesslich wieder verschwunden.

Wegmüllers Bilder sind nichts für Eilige. «Ich sage den Leuten immer, nehmt euch Zeit für die Betrachtung.» Man müsse lernen, seine Bilder zu lesen. Da er als Verdingbub nicht die gleichwertigen schulischen Leistungen erbringen konnte wie andere Kinder, habe er nie richtig schreiben gelernt. «Deshalb habe ich angefangen, schreibend zu malen.» Seine Gemälde seien wie Romane, man müsse sie lesen lernen.

Bis 12. November, Museum im Lagerhaus, St. Gallen


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