Laut sein ohne Worte

AUSZEICHNUNG ⋅ Olli Hauenstein erhält nächsten Mittwoch den Kulturpreis des Kantons Thurgau. Der Clown berührt als Bühnenpartner von Menschen mit Beeinträchtigung.
09. November 2017, 06:07
Martin Preisser

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Er heisst eigentlich Ulrich, wurde als Kind Ueli genannt, in der Schule Haui. Und heute ist er einfach Olli. Gegenwärtig ist der Clown mit Eric Gadient auf der Bühne. Der lebt mit einem Down-Syndrom. Mit ihrem Programm «Clown-Syndrom» haben die beiden die Herzen des Publikums längst erobert. Olli Hauenstein zeigt mit diesem Stück alles andere als «Behindertentheater». «Das Down-Syndrom von Eric wird völlig unwichtig. Ich selbst bin im Stück Regisseur und Bühnenpartner in einer Person. Ich reagiere in gewissem Sinne auf die Figur, die Eric einfach ist.»

Olli Hauenstein hat viel Erfahrung in der künstlerischen Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung. Umjubelt war er viele Jahre mit dem «Comedy Express» auf Tour – auf der Bühne Mitspieler aus der Bildungsstätte Sommeri, dem Wohnort des Künstlers.

Seine Arbeit vergleicht er mit Fussball. «Wenn Ronaldo mit einer Schülermannsschaft spielt, muss er sich auf das Level der Schüler begeben, muss seine Pässe ihren Möglichkeiten anpassen, damit es zu einem schönen Spiel werden kann.» So begebe auch er sich als Clown auf das Level seiner Bühnenpartner und ihrer ganz eigenen Ausdrucksformen. «Die kognitive Beschränkung meines Gegenübers kann eine Chance sein», sagt Olli. «Das Handicap wird zum Talent.»

Seinen Clown-Schülern, die Olli Hauenstein auch in Rom und Palermo unterrichtet hat, habe er immer gesagt: «Lasst Euch gehen, bleibt ganz bei der Emotion, kontrolliert Euch nicht, denkt nicht zu viel darüber nach, was Ihr macht.» Genau dieses Nicht-reflektieren-Müssen, das auch einfach Kind-bleiben-Können brächten Menschen etwa mit einem Down-Syndrom als Gabe mit.
 

Auch im Privaten ein stiller Beobachter

Olli ist ein ruhiger, besonnener Mensch. Die Bühnenfigur und die Privatperson sind zwei verschiedene Dinge. Oder doch nicht ganz? Clown sein ist eine Kunst, bei der die Körpersprache zählt, nicht das Verbale. Nicht zu viele Worte und das Beobachten kennt Olli auch im Privaten. «Und Clown sein heisst laut sein können ohne Worte», bringt er es auf eine Formel. Nach der Matur – Olli ist in Zürich aufgewachsen – ging er direkt ein Jahr nach Rom, um beim bekannten Schweizer Schauspiellehrer und Choreografen Roy Bosier am Teatro Studio di Roma Bühnenluft zu schnuppern.

Die Eltern standen seinem Wunsch Clown zu werden nie im Weg. «Damals herrschte noch eine ganz andere Stimmung», erinnert sich Olli. «Es gab nach der Schule nicht diesen Druck sofort weiterzustudieren. Man durfte probieren und sich in der Welt erst einmal umschauen.» Das Jahr in Rom hat ihn geprägt. Olli ist in die Welt der Kunst eingetaucht, hat die Bretter, die die Welt bedeuten, kennen gelernt. «In Rom habe ich auch für das Leben profitiert. Ich habe loslassen und mich finden gelernt.»

Danach, 1973, ging es nach Budapest. Auf der staatlichen Theaterakademie lernte Olli alles, was einen erfolgreichen Clown ausmacht. Dort lernte er auch Partnerin Illi Szekeres kennen. Die beiden tourten nach dem Studium international erfolgreich durch die Welt. Sie arbeiteten beim Zirkus Knie, dem Zirkus Roncalli und dem Cirque du Soleil. Illi & Olli wurden ein berühmtes Clownpaar und waren fünf Jahre verheiratet. Gerne erinnert sich Olli an die bravouröse Jongliernummer mit seiner damaligen Partnerin. Illi lebt heute auf Mallorca. Nach der Zeit mit Illi war Olli als Clown allein auf sich gestellt. Der Start als Solist war schwer. «Alle wollten immer nur Olli mit Illi. Ich musste quasi wieder von null anfangen», erinnert er sich. Er hat dann seit 1992 mit Soloprogrammen wie etwa «Piano & forte» oder «fool position» neue Erfolge erringen können und hat mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten. Mit «fool position» trat er 2004 an der Olympiade in Athen auf.
 

Den Witz einer Situation schnell erfassen können

Natürlich brauche ein erfolgreicher Clown Talent. «Clown sein lebt aber vor allem davon, den Humor und den Witz einer Situation schnell erkennen und weitergeben zu können», beschreibt Olli Hauenstein diese spezielle Bühnenkunst.

Eine «feste» Anstellung hat Olli erst jetzt mit 64 Jahren bekommen. Bei der St.Galler Stiftung Sonnenhalde-Tandem arbeitet er mit Menschen mit Beeinträchtigung. Für die Betreuten ist das ein richtiger Arbeitsplatz. Die Werkstatt wird zur Theaterschule. Olli Hauenstein möchte hier in Zukunft ein Ensemble etablieren. Und mit Eric Gadient könnte er sich ein zweites «Clown-Syndrom»-Programm vorstellen. «Material haben wir schon zur Genüge», verrät er.

Preisverleihung: Mi, 15.11., 20 Uhr, Kulturforum, Amriswil; «Clown-Syndrom»: 4., 5., 6.12., je 20 Uhr, Lokremise, St. Gallen


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