Zuschauer verfügen Freispruch

INTERAKTIVES FERNSEHEN ⋅ Für Freispruch plädiert: Die Mehrheit der TV-Zuschauer hat am Montagabend nach dem ARD-Film "Terror - Ihr Urteil" zugunsten eines Soldaten entschieden. Dieser hatte eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen, um 70'000 Leute in einem Fussballstadion zu retten.

18. Oktober 2016, 08:46

Bei der zeitgleichen Ausstrahlung in der Schweiz, Österreich und Deutschland kam ein ähnliches Urteil zustande: Während das Schweizer Publikum mit 84 Prozent für einen Freispruch plädierte, waren es in den beiden anderen Ländern jeweils 86,9 Prozent.

Der deutsche Sender hatte mit erheblichen technischen Problemen während der Abstimmung zu kämpfen, denn die Internetseite war schwer erreichbar, die beiden Telefonnummern meist besetzt, oder es kam einfach die Ansage: "Ihr derzeit gewünschter Gesprächspartner ist derzeit nicht erreichbar."

In den sozialen Netzwerken wie Twitter äusserten sich einige User deswegen spöttisch, andere lobten aber auch die Qualität des Films: "TV ist alles andere als tot."

Von-Schirach-Stück verfilmt

Das TV-Spiel mit Martina Gedeck, Burghart Klaussner, Florian David Fitz und Lars Eidinger entstand auf der Basis eines Stücks des Autors Ferdinand von Schirach, das bereits mehr als 400 Mal im Theater aufgeführt wurde. Auch in den meisten Aufführungen stimmte bisher ein Grossteil des Publikums für Freispruch, das Abstimmungsverhältnis dort ist etwa 60:40 Prozent für Freispruch.

In Sondersendungen direkt nach der Ausstrahlung des Films lieferten sich Pro- und Kontra-Seiten Duelle. Auf SRF zwei diskutierte Jonas Projer in der Sendung "Arena Spezial" mit Gästen und Experten die Entscheidung der Zuschauerinnen und Zuschauer und setzte das Urteil in Bezug zur Wirklichkeit.

Im deutschen Sender kam es zwischen dem früheren deutschen Innenminister Gerhart Baum und dem ehemaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung zu einer heftigen Kontroverse. Für Baum war der Pilot juristisch ein Mörder. Baum betonte den ewigen Grundsatz des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Leben dürfe nicht gegeneinander aufgerechnet werden.

Im übrigen sei der Ausgang einer Flugzeugentführung bis zuletzt nicht entschieden. Baum verwies auf ein entsprechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, an das sich alle zu halten hätten.

Nicht mehr zu retten

Dagegen betonte Jung, die einzig entscheidende Frage sei, ob das Leben der 70'000 Menschen im Stadion noch zu retten sei. Auch diese hätten eine Menschenwürde. Das Leben der Passagiere in der entführten Maschine sei ohnehin nicht mehr zu retten gewesen. Hier gebe es einen Fall von übergesetzlichem Notstand.

Thomas Wassmann, Waffensystemoffizier der Luftwaffe, gab zu Bedenken, dass in den heutigen Zeiten des Terrorismus die Welt eine andere sei als bei der Einführung des Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg. Es stelle sich die Frage, ob das Grundgesetz nicht geändert werden müsse. Die evangelische Theologin Petra Bahr erinnerte an die NS-Widerstandskämpfer gegen Hitler, die bereit waren, schuldig zu werden und das Leben einiger Menschen zu opfern, um das Leben vieler zu retten. (sda/dpa)


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