Revoluzzer aus Toronto

FRAME-LESETIPP ⋅ In Kanada mischt eine neue Generation von Cineasten mit frechen Autorenfilmen die Szene auf. Doch die offizielle Kulturförderung ignoriert diese jungen Wilden. Deren Anführer Matt Johnson ruft zum Feldzug gegen das Establishment auf.

01. Dezember 2016, 17:07

«Wir wollen dieses System stürzen», sagt Matt Johnson, 32, Regisseur und Schauspieler aus Toronto. Er sitzt auf dem Sofa in seinem Filmset-Wohnzimmer und schlägt eine Fliege platt. Johnson dreht hier die Fernsehserie «Nirvanna the Band the Show», finanziert von «Vice», dem amerikanischen On­line-Magazin. «‹Vice› hat uns eine Million gegeben und gesagt: ‹Macht, was ihr wollt!› – Davon kann man als Filmemacher nur träumen.» Die Serie ist Johnsons drittes Werk nach den Thrillern «The Dirties» (2013) und «Operation Avalanche» (2016); letzterer läuft heute in unseren Kinos an. Der Spielfilm dreht sich um eine der berühmtesten Verschwörungstheorien, nämlich die, dass die Amerikaner die Mondlandung gar nicht geschafft und bloss in einem Propagandafilm inszeniert hätten. Daraus macht Johnson einen skurrilen Geheimagententhril­ler, der auch eine tiefe Verbeugung vor seinem Idol ­Stanley Kubrick ist.

Johnson hat keinen seiner Filme mit staatlichem Fördergeld gemacht. «Darum kann ich das Maul aufreissen und mich gegen das Establishment wehren», sagt er. Sein Grinsen verrät, dass ihm der Kampf gegen die seiner Meinung nach verkrusteten Förderinstitutionen Spass macht. Er ist gern der Punk. Die Ziele seiner Attacken heissen Toronto International Film Festival und vor allem Telefilm Canada. Das ist die wichtigste staatliche Förderinstitution im Land, von der alle abhängig sind, die ihre Filme nicht mit privaten Mitteln oder mithilfe einer anderen Institution finanzieren können. Darum getraut sich niemand, etwas zu sagen. Telefilm steckt jedes Jahr rund 60 Millionen kanadische Dollar (43,3 Millionen Franken) in die Filmförderung. Aber: «Sie sind extrem risikoscheu und altmodisch und fördern ängstlich ein kommerzielles Mittelmass», kritisiert Matt Johnson. «Statt zehn Filme für je eine Million und von alten Männern gemacht, will ich 100 Filme à 100 000 Dollar von Jungen. Nur so kann man neue Talente fördern.»

Röstigraben in Kanada
Ähnlich wie die Schweiz ist das 36  Millionen Einwohner zählende Kanada eine multikulturelle Willensnation. 57 Prozent der Einwohner sind englischer Muttersprache, 21 Prozent französischer, der Rest sind Einwanderer, die ihre angestammte Sprache sprechen. Durch Kanadas Kino zieht sich eine Art Röstigraben. Dem französischsprachigen Film geht es gut, der englischsprachige hingegen gehört zum nordamerikanischen Markt, der von Hollywood beherrscht wird. Kanadische Cineasten versuchen, dieses zu imitieren, schreibt der Film­wissenschafter Jim Leach. Manche sprechen darum von «Hollywood North». Einerseits, weil US-Produktionen in Kanadas Weiten gedreht werden, andererseits, weil das Land chancenlos ist gegen seinen Konkurrenten im Süden: Der Marktanteil der englischsprachigen Filme im englisch sprechenden Teil Kanadas lag 2015 bei nur gerade 0,6 Prozent. Derjenige der französisch gesprochenen in Quebec betrug 10,7 Prozent. Das Rekordjahr war 2005 mit 27 Prozent. Statt des Afghanistan-Thrillers «Hyena Road» des Kanadiers Paul Gross sah sich das Publikum lieber den US-Thriller «The Hurt Locker» von Kathryn Bigelow an, der elfmal mehr eingespielt hat.

Kanadische Zeitungen berichten viel über das einheimische Schaffen, das am Filmfestival Toronto gefeiert werde, danach aber in Vergessenheit gerate. «Trotzdem interessiert sich in den Fördergremien niemand für Ungewöhnliches, Neues, wie wir es machen», klagt Johnson. Dabei haben seine und die Filme seiner Freunde auf den wichtigsten internationalen Festivals Erfolg. Laut kanadischen Journalisten und Kennern der Szene wird die Industrie von alten Männern beherrscht: von den Produzenten über die Regie bis zu den Entscheidungsträgern bei Telefilm. «Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Wir haben keinen Zutritt und bekommen darum keine Fördergelder», sagt Matt Johnson. Er würde wieder eine Fliege töten, wenn eine da wäre. Zu den alten Männern zählt Johnson Grössen wie Atom Egoyan, 56, und David Cronenberg, 73, aber auch Regisseure, von denen man in Europa kaum hört. Früher war Cronenberg Spezialist für Horror: «The Dead Zone» und «The Fly» gehören zu seinem Repertoire; heute kennt man ihn für starbesetzte Dramen wie «A History of Violence» mit Viggo Mortensen und «Cosmopolis» mit Robert Pattinson. Atom Egoyan, Sohn eines armenisch-ägyptischen Ein­wan­d­erer­­paars, hatte seinen Durchbruch 1994 mit dem Drama «Exotica», das in Cannes den Preis der internationalen Filmkritik gewann. Das Drama «The Sweet Here­after» (1997) bescherte ihm dort drei Preise und dann zwei Os­car­nomina­tionen. Sein abgeschmackter Thriller «The Captive» fiel aber 2014 in Cannes durch. Der junge Frankokanadier Xavier Dolan hingegen gewann im selben Jahr in Cannes mit «Mommy» den Jurypreis.


In Quebec blüht das Kino
Der kanadische Produzent Byron A. Martin, der oft in den USA arbeitet, lobt den Standort Quebec: «Dort fördert man seine jungen Talente. Jemand wie Xavier Dolan hätte in Toronto kaum Karriere machen können.» Ein Auto-Alarm unterbricht ihn, als er das gefeierte kanadische Regie-Genie (siehe S. 52) erwähnt. Wir sitzen in einem Strassencafé in einem dieser Quartiere von Toronto, wo Tausende kleine Häuser die rechtwinklig zueinander stehenden Strassen säumen. «Dolan ist jung und eigensinnig, ein Arbeitstier», fährt Martin schliesslich fort. «Er macht alles selbst, von der Regie bis zu den Kostümen.» In Quebec pflegt man den Autorenfilm. Schon Denis Villeneuve («Sicario») und Jean-Marc Vallée («Dallas Buyers Club») sind dort aufgebaut worden. Sie gehören zum Quebecer Starsystem wie auch Robert Lepage und Léa Pool, die Kanada-Schweizerin. Ausserdem, sagt Byron Martin, setze man auf Co-Produktionen mit Frankreich und Belgien. «So ein Film kann dann in Quebec Millionen einspielen, aber im Rest Kanadas nur ein paar 100 000 Dollars, weil die englischsprachige Bevölkerung keine Untertitel lesen mag.»

Matt Johnson will nicht in Amerika arbeiten. Obwohl er mehrere Angebote von grossen Produktionsfirmen aus New York erhalten hat. «Ich bleibe in Toronto, weil ich hier die nötigen Freiheiten habe, um meine verrückten Ideen weiterzuverfolgen. Bei grossen Produktionsfirmen würde man mir das nicht erlauben.» Sein nächster Film handelt von Albert Einstein, der eine Zeitmaschine baut. Dass man in den USA auf ihn aufmerksam wurde, liegt an «Operation Avalanche». Man merkt jeder Szene an, mit wie viel Herzblut die Filmemacher am Werk waren. Der Schnitt ist wild, die Handkamera wackelt – man erlebt im Kino den Wahnsinn der Ära des Kalten Kriegs am eigenen Leib mit. «Diese Idee, die Amerikaner könnten die Mondlandung nur inszeniert haben, hat mich schon immer fasziniert», sagt Johnson dazu. «Stell dir vor, die Regierung hätte wirklich so etwas getan!» Genauso aufregend wie das Geschehen im Film sind die Hintergründe: Johnson hat tatsächlich bei der Nasa gedreht. «Wir haben denen vorgelogen, wir seien Filmstudenten und würden einen Dok-Film über die 1960er Jahre machen. Kein Wort zur gefälschten Mondlandung, und niemand wollte ein Script sehen! Wir hatten solches Glück, wir drehten sogar im Mission Control Room. Wahnsinn!»

Um «Operation Avalanche» zu finanzieren, hat Matt Johnson bei einer Bank einen Kredit aufgenommen. Noch bevor er am Filmfestival Sundance Weltpremiere feierte, wurde sein Werk vom in Montreal gegründeten und heute amerikanischen Studio Lionsgate gekauft – aus diesem Haus stammen Kino-Serien wie «Twilight», «The Hunger Games» und «Divergent». Eigentlich hätte «Operation Avalanche» am Filmfestival Toronto Premiere feiern können. Aber Johnson gab Sundance den Vorzug, weil er verhindern wollte, dass er im «Kanada-Ghetto landet». Damit meint er die Spe­zial­sektion, in die das Filmfestival das einheimische Schaffen abschiebe, wie er findet. Cannes hat das bekannteste Festival der Welt, Toronto das grösste. «Man legt wahnsinnig viel Wert auf Galavorstellungen, wo aber nur Kommerz läuft. Kleine, aufregende Filme wie die von mir und meinen Freunden passen dort nicht rein. Egal, wie gut sie sind.» Auch Byron Martin bedauert, dass es im englischsprachigen Teil Kanadas kein Festival gibt wie Sundance: «Für die USA, das keine staatliche Filmförderung hat, ist das der Ort, wo man junge Talente entdecken kann.»

Matt Johnson entwickelt sich derzeit zum Aushängeschild einer Gruppe von Cineasten, die mit wenig Geld eigenwillige, rohe Filme machen. Andrew Cividino, Albert Shin, Igor Drljaca, Chelsea McMul­lan und Nadia Litz sind alle Anfang 30 und haben zusammen an der York University in Toronto Film studiert. Viele haben eigene Produktionsfirmen, die einander gegenseitig unterstützen. Diese kanadische Kollegialität war auch für den Luzerner Curt Truninger (*1957) ein Grund, nach Toronto zu ziehen, wo er die Komödien «Dead by Monday» (2001) und «Waiting for Michelangelo» (1996) gedreht hat; Letztere wurde in über 30 Länder verkauft. «Hier sind alle hochmotiviert», sagt Truninger. «Das Wichtigste aber ist: Anders als in der Schweiz, bekommst du sogar für die kleinste Nebenrolle hervorragend ausgebildete Schauspieler.» Toronto sei eine ideale Stadt für Hollywood- wie auch für Independent-Produktionen: «Es gibt viele Studios, erfahrene Crews und sehr attraktive Steuervergünstigungen», schwärmt er. Über Matt Johnson sagt er: «Das ist ein sehr talentierter junger Mann. Sein neuster Film ‹Operation Avalanche› ist super. Eine Wohltat, neben all dem schlechten Mainstream hier. Aber ich fürchte, dass sich nur ein kleines Publikum für ihn interessieren wird.» Truninger findet, Kanada brauche dringend eine neue Generation von Filmemachern. «Vielleicht sind das jetzt Matt und seine Freunde.» Diese Freunde finden es toll, dass Johnson sich auflehnt gegen alles Alte, können aber selber nicht laut mitreden, weil sie mit Telefilm gearbeitet haben oder arbeiten wollen.

Helfer aus Locarno
Ausser ihrer Freundschaft verbindet die Frauen und Männer die Gewohnheit, ohne Drehbuch zu arbeiten. «So etwas schreiben wir nur, wenn wir irgendwo Gelder beantragen wollen», sagt Johnson. Dass auch «Sleeping Giant» von Andrew Ci­vidino ohne Skript entstand, ist kaum zu glauben. Das Drama handelt von drei Teenagern, die einander einen Sommer lang beweisen wollen, wer der härteste und coolste ist. Es ist eine komplex angelegte Suche nach Identität, es geht um sexuelles Erwachen, kaputte Familien, unterdrückte Gefühle. Man merkt den Laiendarstellern ihr An­fän­gertum nie an. Cividino hat «Sleeping Giant» dreimal bei Telefilm eingereicht – und drei Absagen bekommen. Er fertigte zuerst eine Kurzfilmversion davon an und gewann 2014 in Locarno einen Preis dafür. Der Programmchef des Filmfestivals, Mark Peranson, selbst Kanadier und Herausgeber des Filmmagazins «Cinema Scope», ist ein Förderer dieser jungen Wilden. Er hilft ihnen dabei, ihre Werke an europäischen Filmfestivals vorzustellen. Die Langversion von «Sleeping Giant» wurde 2015 nach Cannes eingeladen.

Dann kam Telefilm und wollte ihm Geld geben für die Postproduktion», sagt Matt Johnson. «Das machen sie jedes Jahr. Weil sie nicht den Ruf haben wollen, keine jungen Talente zu fördern.» Tatsächlich nennt Telefilm «Sleeping Giant» als Beispiel für eines ihrer Jungtalente. Angeblich finanziere man jedes Jahr 30 Low-Budget-Filme. Verschwiegen werden aber die eingebauten Hürden: Gefördert wird nur, wer an einer Partneruniversität studiert hat und von dieser ein Empfehlungsschreiben vorlegen kann. Ausserdem muss man als «aufstrebendes Talent erkennbar» sein, das heisst, bereits einen Kurzfilm gemacht haben – den man selber, sprich: mit der eigenen Kreditkarte, bezahlt hat. Unter jungen Filmemachern ist das Credit Card Movie ein berüchtigter Begriff. «Es ist eine Frechheit», regt sich Johnson auf. «Wer nicht das Glück hat, wie ich 10 000 Dollar für seinen ersten Film aufbringen zu können, der hat keine Chance, bei Telefilm jemals Förderung beantragen zu können.» Er, der «Operation Avalanche» auch am Zurich Film Festival vorgestellt hat, hält inne: «Das wäre, wie wenn bei euch Zürchern nur die reichen Schnösel von der Goldküste Filme machen könnten.»

Mächtige Kulturindustrie
«Ich habe zum Glück nie so einen Credit Card Movie machen müssen», sagt Chelsea McMullan per Skype. Sie zu treffen, war nicht möglich, weil sie zur Zeit unseres Toronto-Besuchs in Los Angeles am Drehen war. McMullan hat ihren ebenfalls an grossen Festivals ausgezeichneten Dokumentarfilm «My Prairie Home» in Zusammenarbeit mit dem National Film Board of Canada produziert, einer staatlichen Förderinstitution, die auf Dokumentarfilme spezialisiert ist.

Chelsea McMullan Zoom

Chelsea McMullan (pd)

Der Film erzählt aus dem Leben von Rae Spoon, einer Musi­kerin, die als Frau geboren wurde, sich aber manchmal ebenso als Mann fühlt. McMullan folgt ihr auf ihren Reisen durch die Weiten Kanadas zu vielen kleinen Konzerten. Es ist eine verspielte, zärtliche und niemals mitleidige Hommage an einen Menschen, der nirgends dazugehört und seinen Platz vielleicht gerade deshalb nur unterwegs findet. Filmemacherinnen sind in Kanada eine Minderheit. «Männer geben das Geld den Männern. Wobei niemand zugeben würde, dass er dich diskriminiert. Wenn du von Diskriminierung sprichst, sind alle ganz entsetzt. Das nervt an Kanada», sagt McMullan. Dass es eher Frauen sind, die Dokumentarfilme machen, liege an der Vorstellung, diese hätten etwas Mütterliches: Man fühlt sich ein, arbeitet mit kleinem Team, mit kleinem Budget. «Es ist frustrierend! Ständig musst du beweisen, dass du mit Technik umgehen und ein Team betreuen kannst. Einmal meinte mein Beleuchter, mir sagen zu müssen, was ich zu tun hätte. Seither passe ich genauer auf, wie ich mein Team zusammenstelle.» Wenn eine Frau einen erfolgreichen Erstling mache, heisse es: Mal sehen, was sie ­danach noch bringt. «Aber einen ­talentierten Mann hält man für ein Genie.»

Hoffen auf Justin Trudeau
Mitte November hat Carolle Brabant, Geschäftsführerin von Telefilm, angekündigt, im September 2017 neue Förderkonzepte einzuführen. Diese sehen vor, dass die Hälfte aller unterstützten Filme von Frauen geschrieben oder inszeniert werden. Damit will Telefilm bis 2020 den Graben zwischen den Geschlechtern zugeschüttet haben. Derzeit werden bloss 17 Prozent aller Filme aus der Region Ontario von Frauen gedreht, die meisten arbeiten mit Mikro-Budget. Von allen Telefilm­-Produktionen, die mehr als eine Million Dollar gekostet haben – also Projekte, von denen man leben kann –, stammen nur vier Prozent aus weiblicher Hand. Tatiana Maslany, Hauptdarstellerin in der amerikanisch-kanadischen Sci-Fi-Serie «Or­phan Black», prangerte in ihrer Dankesrede für den Emmy, den sie für ihre Mehrfachrolle in der Serie erhalten hatte, das frauenfeindliche System an: «Ich glaube, diese alten Männer haben Angst vor Veränderung. Ihr System funktioniert und bringt ihnen Geld ein. Also wollen sie es erhalten.» Tatsächlich beschäftigt Kanadas Kulturindustrie rund 600 000 Angestellte, doppelt so viele wie die Fischerei, die Landwirtschaft und das Forstwesen zusammen. Die kanadische Regisseurin Naomi Jaye hatte die Petition «Telefilm – This Is Easy» lanciert, in der sie Carolle Brabant aufforderte, am diesjährigen Filmfestival in Cannes anzukündigen, dass ihr Institut, «inspiriert von unserem Premierminister», allen Bevölkerungsteilen Kanadas dieselben Chancen geben werde. Passiert ist nichts. Jaye spielt an auf Justin Trudeaus Kabinett, das zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern verschiedenster Ethnien besteht. «Schliesslich leben wir im Jahr 2015», war Trudeaus Begründung für seine Auswahl.

Wie die Frauen, so diskriminiert das kanadische Fördersystem auch Immigranten – obwohl das dünn besiedelte Land eine Einwanderungsnation ist und ein Vorbild in Sachen Integration. Etwa die Hälfte der kanadischen Bevölkerung sind Einwanderer. Ihre Wurzeln reichen nach England, Frankreich, Irland, Deutschland, China, Italien; ein verhältnismässig kleiner Teil der Bevölkerung sind Ureinwohner. Wenn man durch die Strassen Torontos geht, hat man noch mehr als in Zürich das Gefühl, die halbe Welt um sich versammelt zu haben. «Kanadas Geschichte der Immigration ist jung. Wir sind die erste Generation, die hier geboren und aufgewachsen ist», sagt Albert Shin, Sohn von südkoreanischen Eltern und in Toronto geboren.

Albert Shin Zoom

Albert Shin (pd)

Diese Generation macht jetzt zunehmend mit Filmen auf sich aufmerksam, in denen sie sich mit ihrer Herkunft beschäftigt. Aber das verstösst gegen die Förder­regeln von Telefilm: Damit ein Projekt Anrecht hat auf Geld, muss der Film entweder in englischer oder französischer Sprache gedreht sein. Weil Albert Shin und Igor Drljaca in ihren jeweiligen Muttersprachen drehen und, noch schlimmer, nicht nur in Toronto, können sie es jeweils gleich bleiben lassen, sich um Förderung zu bemühen. «Sie verlangen, dass die Filme einen Beitrag leisten zur kanadischen Kultur», sagt Drljaca. Aber Nationalismus ist ein schlechter Nährboden für Kreativität.

Igor Drljaca Zoom

Igor Drljaca (pd)

Drljacas Familie ist 1993 aus Sarajevo zunächst nach Deutschland, dann weiter nach Kanada vor dem Krieg geflohen. «Als die ersten Bomben fielen, ist meine Mutter ausgerastet, und wir mussten unsere Sachen packen», sagt er. Drljaca hat zusammen mit Albert Shin die Produktionsfirma Time­Lapse Pictures gegründet. Ihr Büro, in der Nähe des Hafens gelegen, ist in einem ausgebauten Schuppen untergebracht, den sie mit anderen Künstlern teilen. Man hört Schiffe tuten und wähnt sich am Meer, aber die Wasserfläche, die bis zum Horizont reicht, gehört dem Ontariosee. Schon der zweite Kurzfilm, den die beiden mit TimeLapse Pictures realisiert haben, «The Fuse: Or How I Burned Simon Bolivar» (2011) über einen Schuljungen, der glaubt, er sei schuld am Balkankrieg, wurde an 28 Festivals gezeigt, auch an den Kurzfilmtagen Winterthur. «Dieses Festival hat viel Geld, oder? Sie haben mir den Flug bezahlt, so etwas habe ich ja noch nie erlebt!», sagt Igor Drljaca. Sein erster Langspielfilm, das Drama «The Waiting Room», erzählt von einem Schauspieler, der in Ex-Jugoslawien ein Star war, aber vor dem Krieg flüchten musste. Er ist ein Mann zwischen zwei Welten: Sein Körper lebt in Kanada, seine Seele in Sarajevo.

Albert Shin hat seinen ersten Langspielfilm in Südkorea gedreht, der Heimat, die er kaum kennt. «Meine Eltern mussten mich zwingen, koreanisch zu sprechen. Ich ­beherrsche die Sprache gerade gut genug, um mich unterhalten zu können», sagt er und grinst. «In Her Place» ist ein stilles, aufwühlendes Psychodrama um drei Frauen, deren Leben aus der Bahn gerät: Es geht um eine Mutter, die mit ihrer kuriosen Teenager-Tochter auf einer heruntergekommenen Farm in Südkorea lebt. Sie bekommen Besuch von einer Karrierefrau, die ihrer Familie vorgelogen hat, in die USA gegangen zu sein, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. In Wahrheit wird sie heimlich das Kind der Farmerstochter adoptieren. Doch dann läuft alles aus dem Ruder. Shin hat mit kleinstem Budget gedreht, aber die Geschichte und die Darstellerinnen sind so stark, dass man das nicht merkt. «In Her Place» schaffte es 2014 zusammen mit David Cronenbergs «Maps to the Stars» und Xavier Dolans «Mommy» auf die Liste der «Canada’s Top Ten» des Filmfestivals Toronto.

Zurück bei Matt Johnson: Die Tür zu seinem Haus geht auf. «Jay!», ruft er und stellt den jungen Mann vor. Jay McCarrol ist sein Co-Star in «Nirvanna the Band the Show», der Serie für «Vice». Sie handelt von zwei jungen Männern (Johnson und McCarrol), die mit abstrusesten Mitteln versuchen, für ihre Band ein Engagement in einem Klub zu bekommen. «Nir­vanna» sprüht vor Experimentierfreude, die jungen Wilden zitieren schlechte Fernsehserien und Filmklischees, man lacht sich krumm und muss die zehn Folgen alle am Stück ansehen. McCarrol macht Tee und verschwindet dann nach oben in den mit Filmpostern ausgekleideten Dachstock ihres Häuschens, ihren Schneideraum, wo sie ihr Material auf den vier grossen Bildschirmen bearbeitet, die dort stehen. Obwohl sie cinephil sind, drehen Johnson und seine Freunde stets digital. Aus Kostengründen. Dass «Operation Avalanche» aussieht wie Super-8, liegt an einem Computereffekt. «Telefilm hat mich gewarnt, ich solle aufpassen mit meiner Kritik», sagt Matt Johnson. «Sonst komme die Regierung noch auf die Idee, diese Förderstelle ersatzlos zu streichen.» In seinem Gesicht ist keine Spur von Sorge erkennbar. Johnson setzt Hoffnungen in Mélanie Joly, Trudeaus 37-jährige Ministerin für Kulturgut. «Frauen sind viel progressiver als Männer», findet er.

Vorbild Dänemark
Tatsächlich hält Mélanie Joly das Fördersystem für dringend reformbedürftig. Sie ist überzeugt, dass man den kanadischen Film besser fördern und vermarkten müsse, besonders auf digitalem Weg. Wie die Reformen aussehen sollen, ist noch offen. Zurzeit holt Joly sich Inspiration bei Kulturschaffenden, auch bei Filmemachern wie Andrew Cividino. An einer Diskussion, die man live via Facebook verfolgen konnte, wurde erneut die Forderung laut, dass Low-Budget-Filme das beste Mittel wären, um die Vielfalt zu ­fördern. Dieser Meinung sind auch die jungen Regisseure hinter dem Swiss Fiction Movement (siehe Artikel nebenan). Zunächst gibt es Geld: Telefilm und das National Film Board erhalten zusammen 25 Millionen Dollar – als Reaktion der neuen Regierung auf die von den Konservativen zehn Jahre lang ignorierten Förderinstitutionen. Matt Johnson bleibt skeptisch und wird sich weiter in die Diskussion einmischen. «Ich will, dass Jüngere unterstützt werden, damit sie coole Filme machen, die man im Ausland wahrnimmt.» Er wünscht sich, dass Kanada als englischsprachiges Land eine eigene Stimme entwickelt: «Ich möchte Teil einer kulturellen Bewegung sein, die so grossartige Filmemacher hervorbringt wie Dänemark, Deutschland und Frankreich.» Aber in einer risikoscheuen Gesellschaft wie der seinen sei es schwierig, Neues aufzubauen. «Unser System ist ein Ort, wo man sich sicher fühlen kann.» Aber Matt Johnson und seine Freunde wollen keine Sicherheit, sondern Kreativität.



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