Tagblatt Online, 15. Juli 2010 07:22:00
«Ich bin Jungfrau»
Die scheue Bella (Kristen Stewart) versinkt mit Vampir Edward (Robert Pattinson) im Blumengarten. (Bild: Bild: pd/ascote-elite)
Eclipse – Bis(s) zum Abendrot ist eine zäh-zahme Überromanze ohne grosses Prickelpotenzial. Die ersten beiden Folgen von Stephenie Meyers «Twilight Saga» spielten über eine Milliarde Dollar ein. Die Fortsetzung der Blockbuster kommt nun ins Kino und macht Kasse.
Jürgen Frey
Die Vorgeschichte ist erzählt: In einem nebelverhangenen Städtchen an der amerikanischen Nordwestküste verliebt sich die scheue Highschool-Absolventin Bella (Kristen Stewart) unsterblich in den schönen, menschenfreundlichen Vampir Edward (Robert Pattinson), entwickelt jedoch auch zunehmend Gefühle für den muskelstarrenden Werwolfknaben Jacob (Tayler Lautner). Die Hormone rasen, doch zumindest in den ersten drei Romanen und ihren Filmen bleibt die Liebe wundersam keusch.
Schmachten und anhimmeln
Bellas Vater ist wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der das nicht ganz genau weiss. Aber das Mädchen klärt Daddy auf: «Ich bin Jungfrau!» So geradeheraus gesagt, garantiert das ein paar nette Lacher in der allerneuesten und insgesamt eher zähen Überromanze dieser Saga.
«Eclipse – Bis(s) zum Abendrot» läuft ab heute in den Kinos. Der Regisseur der dritten Folge ist der Brite David Slade. Um seinen Job mag man ihn nicht beneiden: Er musste das in den beiden früheren Filmen schier endlose Schmachten, Anhimmeln und Sehnen tüchtig weiterdehnen. Erst im noch ausstehenden vierten Teil wird Bella dann endlich, endlich – es ist ja längst kein Geheimnis mehr – «zur Frau», zur jungen Mutter, zur Vampirella.
Jetzt aber, wie gehabt, viel zartes Geschmuse in tapetenhübschen Wildblumenwiesen. Die Kussgesichter von Bella und Edward meistens in Grossaufnahme machen sich auch auf jedem Handydisplay gut. Und Jacob kann abermals sein Hemd nicht finden, läuft zu Edwards Verdruss meistens mit strammem nacktem Oberkörper herum und sorgt so für besonders spitze «Ahs» und «Ohs» während der Vorführung. Neue Gefahren für dieses schwierige Dreigespann und die dazugehörenden Sippschaften brauen sich, getreu der Romanvorlage, in der nächstgelegenen Grossstadt zusammen.
Höchste Zeit aufzuwachen
Die abtrünnige Vampirin Victoria (Bryce Dallas Howard) will Bella vernichten und erbeisst sich für ihren Rachefeldzug eine ganze Armee neuer, besonders gieriger Blutsauger. Rettung kann da nur noch ein Zweckbündnis von Edwards streitbarer Grossfamilie und Jacobs zottigem Werwolfclan bringen. Aber aus den Kampfszenen macht der Film nicht viel, die riesigen Computerwölfe wirken ungefähr so bedrohlich wie Lassie am Futtertrog. Immerhin ein bisschen Prickelpotenzial hat eine Szene am Rande der Schlacht: Während eines Schneesturms wird Bella von ihren beiden Verehrern gleichzeitig vor der Eiseskälte geschützt, und weil Jacob das «heissere Blut» hat, darf er sie nackt im Schlafsack wärmen.
Bella schläft, und während sich die Jungs im engen Zelt über sie wie eine Abwesende unterhalten, kommen sie sich spürbar näher. Das ist ein netter, unerwarteter Touch in diesem Film. Aber gleichzeitig ist es eben auch eine Bestätigung jener eher blassen Rolle, die das Mädchen zumindest in den bisherigen drei «Twilight»-Stücken fast durchgängig zu spielen hat: auf seltsam vorgestrig wirkende Weise passiv, wartend, sehnend. Es ist, als würde Bella nur im Begehren der anderen existieren können. Höchste Zeit also, endlich aufzuwachen.
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