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Tagblatt Online, 10. Juli 2010 12:46:00

«Ein wenig bin ich Diktator»

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Der Komponist Hans Zimmer. (Bild: Bild: ap)

Hans Zimmer gehört zu den bekanntesten Filmmusikkomponisten Hollywoods. 1995 gewann der Deutsche für seine Musik im Film «König der Löwen» einen Oscar. «Inception», der neuste Film, für den er die Musik schrieb, kommt demnächst in die Kinos.

André Wesche

Herr Zimmer, wie gelangen Sie an Bord eines Filmprojekts?

Hans Zimmer: Der Regisseur ruft an und fragt, ob ich vorbeikomme, um herauszufinden, ob man sich versteht. Guy Ritchie («Sherlock Holmes») kannte ich nicht. Als er sich an mich wandte, hatte er den Film schon fertig. Im Schneideraum lief die ganze Zeit die Musik von «The Dark Knight». Er fragte, ob ich etwas Neues für ihn erfinden könnte. Wir wussten nicht, in welche Richtung es gehen soll, also experimentierten wir.

Was passierte dann?

Zimmer: Wir unterhielten uns über unseren Musikgeschmack und stellten fest, dass wir irischen Folk und Zigeunermusik mögen. Ich habe auch deutsche Elemente eingebracht, mich an Weills «Dreigroschenoper» angelehnt. Diesen Ton wollte ich einfangen. Und ich habe jahrelang in England gelebt. Dort hört man in Pubs verstimmte Klaviere an jeder Ecke. Wir kamen in eine Richtung. Am Ende ist der Score genauso von Guy Ritchie geprägt wie von mir.

Gibt es Regisseure, deren Stil Ihnen mehr liegt als der von anderen?

Zimmer: Ich versuche jedesmal etwas ganz anderes zu machen. Natürlich kann ich meinem eigenen Stil nicht entkommen, aber ich möchte immer etwas Neues erfinden. Auch für den Komponisten gilt: Komödien sind schwieriger als alles andere. Es gibt Leute, die behaupten, ich mache das ganz gut. Sachen wie «Dark Knight» oder «Gladiator» liegen mir wesentlich mehr.

Gibt es Filmemacher, die keine Ahnung haben von Musik?

Zimmer: Eine ganze Menge. Trotzdem versuche ich mit ihnen zu arbeiten. Es ist auch ein Unterschied, ob man von Musik keine Ahnung hat oder sie nicht liebt. Ich möchte mit Leuten arbeiten, die Musik schätzen. In letzter Zeit habe ich in dieser Beziehung viel Spass gehabt, zum Beispiel mit Gore Verbinski («Fluch der Karibik»), mit dem ich bereits an etwas Neuem arbeite. Guy Ritchie kennt jeden irischen Folksong auswendig. Und Chris Nolan («The Dark Night») hat ein ganz tolles Verhältnis zur Musik.

Von dem lerne ich immer etwas.

Seit einigen Jahren arbeiten Sie verstärkt mit Kollegen zusammen. Warum?

Zimmer: Mir liegt viel daran, Talente zu fördern, und ich möchte, dass die Namen auch auf die Leinwand kommen. Film ist zwar immer eine Zusammenarbeit, aber ganz demokratisch geht es nicht zu. Ein wenig bin ich ein Diktator und am Ende der Architekt, der die Musik schreibt und den Stil erfindet.

Trotzdem ist es immer gut, wenn man sich mit anderen Musikern umgibt und gemeinsam Musik im Wortsinne «spielt». Ich habe ja ursprünglich einen Band-Hintergrund und fühle mich in der Gesellschaft von Musikern wohl. Ein Film wie «Sherlock Holmes» hat zwei Stunden Musik. Ich möchte nicht, dass meine Arrangeure, Orchestrierer und Programmierer im Hintergrund stehen. Also setze ich sie mit auf die Titel. Viele Leute verstehen das nicht so ganz. Aber wenn man es sich am Ende anhört, ist es doch ein Zimmer.

Wie hat die technische Revolution im Film Ihre Arbeit verändert?

Zimmer: Sie hat sich vollkommen verändert, allerdings mehr für die anderen. Ich habe schon immer mit Technologie gearbeitet. Als ich nach Hollywood kam, hat jeder brav mit dem Bleistift auf Papier geschrieben. Ich konnte das nicht, ich bin in der Welt der Computer zu Hause. Heute wird am Computer geschnitten, das hat die Zusammenarbeit zwischen dem Cutter und mir intensiviert. Wir haben mehr Freiheit, können Sachen am Bild ausprobieren, bevor das Orchester zum Einsatz kommt.

Ich muss nicht warten, bis ich vor dem Orchester sitze und der Regisseur sagt, dass er die Musik nicht mag.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie sich sagten, ich habe es in Hollywood geschafft, jetzt bleibe ich hier?

Zimmer: Es hatte weniger mit dem Gedanken «jetzt habe ich es geschafft» zu tun; mehr damit, dass ich so viel Arbeit hatte und nicht zurück nach Europa kam.

Eines Tages habe ich geheiratet, wir haben Kinder gekriegt und ein Haus gekauft… Ich habe noch eine Wohnung in München und London. Nur habe ich keine Zeit, dort zu sein.

Würden Sie an einem kurzen Ausschnitt jede Filmmusik erkennen, die Sie je geschrieben haben?

Zimmer: Wahrscheinlich schon. Aber ich vergesse eine Menge. Wenn etwas geschrieben ist, ist es fertig. Ich höre es mir nicht mehr an. Ehrlich gesagt, macht es mir mehr Spass, die Musik zu schreiben, als sie hinterher anzuhören.

Wird es mit den Jahren schwieriger, sich nicht zu wiederholen?

Zimmer: Natürlich. Klar wiederhole ich mich. Es gibt auch Ideen, die ich nicht ganz fertiggekriegt habe, oder die erfordern, dass ich dazulerne, besser werde. Was den Stil betrifft, bleibe ich ja immer derselbe Mensch. Ich versuche, irgendwie über den eigenen Schatten zu springen. Aber es gibt immer unfertige Ideen.

Suchen Sie den Kontakt zum Publikum, treibt es Sie manchmal raus aus dem Studio?

Zimmer: Hin und wieder ja, aber ich habe immer Lampenfieber, wenn ich auf die Bühne muss. Ich bin lieber in meinem Zimmer und schreibe Musik. Auf der einen Seite vermisse ich den direkten Kontakt zum Publikum, auf der anderen Seite kriege ich Angstzustände. Das ist ein bisschen ein Problem. Aber irgendwie werde ich es hinkriegen. Wir planen eine Tournée, aber ich lege mich nicht auf einen Termin fest. Wir müssen noch ein bisschen an diesem Projekt arbeiten.

Was erwartet den Zuschauer bei «Inception»?

Zimmer: Dazu möchte ich noch nichts sagen. Ich finde es irgendwie schön, wenn man ins Kino geht und nicht weiss, wie die Geschichte ausgeht. Man soll doch noch Überraschungen erleben.





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