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Tagblatt Online, 14. April 2010 01:04:53

«Der Film soll von Strapazen und Gefahren erzählen»

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Sayra (Paulina Gaitan) reist auf einem Zugdach nach Mexiko. (Bild: Bild: Filmcoopi)

«Sin Nombre» Regisseur Cary Fukunaga porträtiert in seinem neuen Film Menschen auf dem gefährlichen Weg von Guatemala an die mexikanische Grenze. In El Salvador gelangen sie in die Fänge der Mara-Gangs, jener berüchtigten und organisierten Banden, die mit den Schleppern verfeindet sind. Geri Krebs

Geri Krebs

Cary Fukunaga, Sie sagten jüngst, die Story von «Sin Nombre» sei die Fortsetzung Ihres Kurzfilms «Victoria para China». – Inwiefern?

Cary Fukunaga: «Victoria para China» basiert auf einer Begebenheit aus dem Jahr 2003, als an der Grenze Mexiko–Texas in einem verschlossenen Güterwagen 20 Immigranten aus Zentralamerika elendiglich erstickten.

Der Wagen stand auf einem Abstellgleis an der Grenze, er wurde erst nach Tagen von Bewohnern des Grenzortes entdeckt, es war eine der schlimmsten Tragödien an der Südgrenze der USA.

Wie kam es zum Film?

Fukunaga: Ich war in jener Zeit an der Filmschule in New York und suchte nach einem Kurzfilm-Stoff. Als ich von der Geschichte hörte, war ich überzeugt, sie in einer Art dramatisieren zu können, die dem Zuschauer erlaubt, möglichst viel für das Schicksal dieser Menschen zu empfinden.

Der Film hatte am Sundance Festival 2005 grossen Erfolg. Bei den Recherchen hatte ich erfahren, dass die Grenze zwischen Guatemala und Mexiko für Flüchtlinge noch gefährlicher sei. So reifte die Idee, einen Spielfilm zu machen. Er sollte von den Strapazen und Gefahren dieser Menschen erzählen, die alles tun, um nur schon in die Nähe der Grenze zu gelangen.

In «Sin Nombre» geht die Gefahr für die Flüchtlinge zu einem grossen Teil von den «Maras», den organisierten Gangs, aus. Ist das Phänomen neu, dass sie besitzlose Menschen ausrauben?

Fukunaga: Die Maras, die ich befragte, sähen das nie so. Sie würden sich nie am Elend dieser Leute bereichern. Es heisst, solche Übergriffe würden stets von unorganisierten Banditen begangen.

Gleichzeitig haben mir Maras klar gemacht, dass der Schutz ihrer Territorien vor Eindringlingen oberste Priorität habe. Ausserdem gibt es blutige Kämpfe zwischen Maras und Schleppern. Die Flüchtlinge geraten dabei oft zwischen die Fronten. Es ist eine widersprüchliche Geschichte.

Sie recherchierten vor Ort. Gab es gefährliche Situationen?

Fukunaga: Für mich war das eine fremde Welt, aber ich wollte wissen, wovon ich erzähle.

Ich reiste ins Grenzgebiet zwischen Guatemala und Mexiko, führte Gespräche mit allen Beteiligten: Flüchtlingen, Schleppern, inhaftierten Maras, Polizisten, Grenzbeamten. Darüber hinaus wollte ich wissen, wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein. So reiste ich mit zwei Honduranern auf einem Zugdach über die Grenze mit. Das Auf- und Abspringen, so wie man es im Film sieht, habe ich selbst erlebt.

Sie lernten so die extremen Lebensbedingungen dieser Menschen sehr gut kennen. Verspürten Sie dabei nie die Lust, aus diesem Stoff einen Dokumentarfilm zu machen?

Fukunaga: Nein, diese Frage stellte sich nie. Ich bin ein ungeduldiger Mensch und hätte nie Geduld, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Das liegt mir nicht.

Ihr spanischer Kollege Christian Poveda realisierte 2008 in El Salvador den Dok-Film «La vida loca» über die Maras, feierte auf etlichen Filmfestivals grosse Erfolge und wurde im September 2009 von Mara-Mitgliedern erschossen. Machte Ihnen Povedas Schicksal Angst?

Fukunaga: Ich schätze die Arbeit von Christian sehr, aber sie ist nur bedingt mit meiner vergleichbar. Er lebte 20 Jahre mehrheitlich in El Salvador, kannte manche der im Film porträtierten Maras seit Jahren. Das kann ich von mir nicht behaupten. Mein nächster Film fokussiert auf ganz andere Dinge.

Ausserdem ist «Sin Nombre» kein Film über die Maras, sondern über die tragischen Geschehnisse, die sich seit einiger Zeit im Grenzgebiet zwischen Zentralamerika und Mexiko abspielen.

In «Sin Nombre» wirkt alles sehr realistisch. Naiv gefragt: Sind alle Beteiligten Schauspieler und die Tattoos nur Schminke?

Fukunaga: Es ist alles Schminke, die Hauptdarsteller sind Schauspieler, obwohl einige zum ersten Mal vor der Kamera standen; andererseits gab es Statisten, die Gang-Mitglieder waren.

So gesehen ist alles sehr authentisch. Aber wir haben nie an Originalschauplätzen, sondern an verschiedenen Orten in Mexiko gedreht. In der Grenzregion wäre es zu gefährlich gewesen.





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