Favoritensieg beim Buchpreis

SCHWEIZER BUCHPREIS ⋅ Jonas Lüscher gewinnt mit seinem Roman «Kraft» wie erwartet den mit 30000 Franken dotierten, wichtigsten Preis der Schweizer Buchbranche.
13. November 2017, 07:26
Hansruedi Kugler

Hansruedi Kugler

Diese Jury-Begründung hat es in sich. Jonas Lüschers Roman «Kraft» über einen in den USA gescheiterten deutschen Rhetorik-Professor und Neoliberalen sei ein «fulminanter Text, der durch seine erfrischende Bösartigkeit ebenso überzeugt wie durch seinen philosophischen Tiefgang und die kluge Gegenüberstellung von alter und neuer Welt.» Tönt überfrachtet? Ja, gewiss, aber das trifft den Charakter des Romans exakt. Etliche Leser bleiben denn auch auf halber Strecke liegen, dieser herausragende Roman ist stilistisch und inhaltlich eine Herausforderung. Nichtsdestotrotz: Es ist ein grosser Roman, der viel hineinpackt. Man darf aufatmen: Endlich wieder ein Schweizer Autor, dessen Horizont nicht an den Jurahöhen, den Alpen oder dem Bodensee endet, sondern der einen modernen Weltroman schreibt und diesen Stoff erst noch meistert.
 

Geehrt wird ein politisch engagierter Schriftsteller

Überrascht war also gestern im Theater Basel niemand, als Dani Landolf, der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands, den Preisträger bekannt gab. «Kraft» war beim Erscheinen im Januar dieses Jahres von der Presse im ganzen deutschsprachigen Raum unisono begeistert aufgenommen worden und wurde dann auch für den Deutschen Buchpreis nominiert, den dann allerdings der Österreicher Robert Menasse gewann. «Kraft» liegt bereits in der sechsten Auflage vor. Mit Jonas Lüscher hat die Schweiz unterdessen einen sicheren Wert, denn bereits mit seinem ersten Buch, der Novelle «Frühling der Barbaren», war er 2013 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Und mit ihm hat die Buchbranche einen Autor geehrt, den man ganz altmodisch als engagierten Schriftsteller bezeichnen kann. Als einen, der Politik und Weltanschauung in seinen literarischen und essayistischen Texten wie selbstverständlich einfliessen lässt. Das war schon in «Frühling der Barbaren» so, als er eine Gruppe britischer Banker in einer opulenten Feier in Nordafrika von der Finanzkrise zerrütten liess. Das ist auch in «Kraft» so: Hier erleidet ein selbstgefälliger, aber im Grunde lebensuntüchtiger Theoretiker des Neo­liberalismus Schiffbruch. Es ist eine Akademikersatire, ein Roman über eine Midlife-Crisis und eine Groteske auf den technologieverliebten Machbarkeitswahn des Silicon Valley.
 

Bestseller-Roman statt Dissertation in Philosophie

Dass Jonas Lüscher seine akademische Karriere zu Gunsten der Literatur aufgegeben hat, darf man also als Glücksfall für die Schweizer Literatur sehen: Statt einer Dissertation in politischer Philosophie hat Lüscher, der seit vielen Jahren in München lebt, nämlich den Roman «Kraft» eingereicht. Und tritt so künstlerisch in jenen Vordergrund, den er vor Jahren als Drehbuchdramaturg in der deutschen Filmindustrie gemieden hatte. Ein eigenwilliger Autor ist er geworden, einer, von dem man als Beobachter und Satiriker noch einiges erhoffen darf.

Jonas Lüscher: Kraft, C.H.Beck, 237 S., Fr. 29.–


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