Erhellende Sicht aufs Licht

KUNST ⋅ Gleissende Helle, geraffte Zeit und Kartoffelduft: Die Ausstellung «Angles of Coincidence» von Esther Mathis hat so manches in petto. Noch bis 9. Juli läuft die Schau in der Kunsthalle Arbon.
20. Juni 2017, 05:17
Dorothee Haarer

Dorothee Haarer

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Es kommt selten vor, dass man eine Ausstellung besuchen will und vor Ort als erstes die Augen schliessen muss. Und zwar, weil man geblendet ist von strahlender Helligkeit und funkelnden Spiegelflächen. In Esther Mathis’ «Angles of Coincidence» kann man – vor allem bei sonnigem Wetter – jedoch sehr wohl in diese Situation kommen. Anhand dreier Werke befasst sich die Künstlerin mit dem Phänomen Licht und macht es ganz unterschiedlich erfahrbar.

Für die Installation «Radiance» hat Esther Mathis, die 1985 in Winterthur geboren wurde und heute in Zürich lebt, über hundert rechteckige Spiegelplatten auf dem Boden im Erdgeschoss der Kunsthalle verteilt. Rasterartig sind diese ausgelegt, mit breiten Gehwegen dazwischen. Bei hellem Lichteinfall durch die Oberfenster des Industriebaus gleissen die Platten wie quadratische Sonnen. Verdunkelt eine Wolke den Raum, wirken sie wie silberne Pfützen auf der Erde.

Kartoffeln als Batterie für Lämpchen

Auf diese Weise scheint es, als hätte der Himmel über Arbon sich rein zufällig auf dem dunklen Zementboden des Ausstellungsraumes niedergelassen: Ein Stelldichein der besonderen Art. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Künstlerin auch an der Decke schimmernde Spiegelplatten montiert hat, und der Lichteinfall von oben viel geplanter und berechneter ist, als es zunächst den Anschein hat.

Beim Klettern hinab ins Untergeschoss lässt man das Gefühl von Luft und Helle hinter sich. Hier landet man in einer völlig anderen Welt: dunkel und stickig. Ein verhaltener Modergeruch steigt einem in die Nase. Die Augen müssen sich nach dem gleissenden Licht von oben an die tintendicke Finsternis gewöhnen. Dann erst gelingt es, winzige Lichtpünktchen auszumachen. Wie Irrlichter tanzen sie nah über dem Boden und locken den Ausstellungsbesucher, sich einen Weg hindurch zu bahnen. Die Lichter bevölkern fast den ganzen Raum. Wagt man sich darauf zu, erkennt man schliesslich verwundert die Kartoffelhaufen, die auf dem Boden liegen und als Batterien für die darin mit Draht angeschlossenen LED-Lämpchen dienen. «Isolated Systems Vol.1» nennt die Künstlerin selbst diese Arbeit, für die sie Erfahrung aus früheren Physik-Unterrichtsstunden weiterverarbeitet hat.

Licht, eindrücklich und leichtfüssig

Im Video «Museum Light» aus dem Jahr 2016 geht es schliesslich ums Werden und Vergehen des Tageslichts. Mittels Zeitraffer hat Esther Mathis in dieser Filmarbeit die Zeit zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung auf etwas mehr als 50 Minuten verkürzt.

Licht ist in der Regel dazu da, Dinge gekonnt in Szene zu setzen: Prominente auf dem roten Teppich oder Gemälde an Museumswänden. In «Angles of Coincidence» wird nun das Licht selbst zum Protagonisten. Esther Mathis holt es von dem ihm üblicherweise zugeteilten Platz des Nebendarstellers und rückt es ins Zentrum. Die Künstlerin inszeniert diesen Rollenwechsel in der Kunsthalle Arbon leichtfüssig und eindrücklich. Mühelos gelingt es ihr zu vermitteln, wie wir unsere Welt erst dank des Lichts erleben und wie stark unsere individuelle Wahrnehmung von Lichteinflüssen abhängt. Mehr noch: Sie verdeutlicht, wie sehr Licht unser Dasein bestimmt, ohne dass wir dies realisieren. Zuletzt liefert Esther Mathis so auch Denkanstösse, mit denen man Kunst sehr allgemein hintersinnen könnte. Eine Frage, die sich aufdrängt, wäre: «Genügt bereits das richtige Licht, um aus einem Blendwerk ein Kunstwerk zu machen?»

Bis 9. Juli, Kunsthalle Arbon; Mi, 21.6., ab 18 Uhr, Summer Solstice Celebration, Sa, 1.7., 16 Uhr, Führung, www.kunsthallearbon.ch


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