Eine Burg gebaut aus Agar-Agar

RUINE ⋅ «Weiter» heisst die neuste Ausstellung der Kunsthallen Toggenburg und Arthur Junior. Nach einem Jahr Pause wagt sich der Kunstverein auf neues Terrain. Ein Teil der Ausstellung findet auf einer Schlossruine statt.
13. September 2017, 05:19

Weitergehen, weitermachen oder weiterhin nichts tun – es gibt ­viele Konnotationen des Begriffs «weiter». Dementsprechend weit gefasst war der Raum, in dem sich die ausgesuchten Künstlerinnen und Künstler bewegen konnten. Um dem «Weiter» die wahre Bedeutung zu geben, platzierten die Kunsthallen Toggenburg die Vernissage ihrer elften Ausstellung arthur#11 auf eine Burgruine. Ausgerechnet die Ruine Rüdberg an der Thur bei Oberhelfenschwil, in der seit Jahrhunderten nichts ausser dem Zerfall weitergeht, war am Samstag Schauplatz.

Mittelalterruine wird mit Gelatine weitergebaut

Die Tänzerin Gisa Frank und das Collectif Chuglu aus Marseille nahmen am pointiertesten Bezug auf die Besonderheiten der Ruine. Franks Antwort zum Zerfall war eine stumme Performance ihrer Tanzgruppe. Mit hochgehaltenen Kleidern aus früheren Zeiten hauchte sie der Burg ein geisterhaftes Leben ein. Symbolhaft stellten die Tänzerinnen und Tänzer das Kommen, Sein und Gehen von einst auf der Burg dar. Das Collectif Chuglu baute symbolträchtig die über die Jahrhunderte eingestürzten Mauern der Ruine mit «Steinen» aus Agar-Agar wieder auf. Die Agar-Agar-Steine wurden mit gekochtem Wasser aus der 50 Meter tiefer liegenden Thur geholt und mit Agar-Algen geformt.

Der Verein Kunsthallen Toggenburg hatte acht Kunstschaffende und Künstlergruppen ­eingeladen, sich zum Thema «Weiter» Gedanken zu machen. Erstmals war die junge Kunstvermittlungsorganisation involviert. Der Verein Arthur Junior wurde erst vor wenigen Jahren von Toggenburger Studenten gegründet. Beide Vereine sind spezialisiert auf zeitgenössische Kunst ausserhalb gängiger Ausstellungsorte.

Unter freiem Himmel dem Regen trotzen

Beide Kunstvereine zeigen ihre Events oft an recht ausgefallenen Locations, manchmal mit Getöse, manchmal eher still. Wenn sich die Location, wie die Ruine Rüdberg, in der freien Natur ­befindet, muss man die Natur, sprich den Dauerregen, auch aushalten können.

«Weiter» geht weiter. Mobilität ist gefordert, von den Kunstschaffenden ebenso wie vom Organisationskomitee und am Ende natürlich auch vom Publikum. Das sich im Übrigen nicht beirren lassen soll von Mahnungen am Waldrand wie «You’re completely wrong!» (Standschrift von Matthias Rüegg). Der Weg stimmt, darum weitergehen, was falsch sein könnte, liegt im Auge der ­Betrachtenden. «Fahrt weiter!», meinte wirsch auch die Wirtin des Restaurants am Anfang des Fusswegs zur Ruine zum automobilen Publikum.

 

Michael Hug

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

 

Midissage, 16. Sept. 2017 Bahnhof Wattwil, 15–18 Uhr

Finissage, 23. September Dorfplatz Unterwasser, 15–18 Uhr

Infos: kunsthallen-toggenburg.ch


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