Ein Räuber in abgesägten Hosen

SCHAUSPIEL ⋅ Schillers «Die Räuber» inspirieren den St. Galler Schauspielchef Jonas Knecht zu einer schrillen, ironischen Inszenierung – fast ein cooles Rockmusical. Leider konzentriert er sich auf den langweiligen Intriganten.
25. September 2017, 05:18
Hansruedi Kugler

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hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

«Unglaubwürdige Wendungen, alberne Figuren, triviale Motive, ein Blödsinn sondergleichen, begleitet von Geschwätz ohne Ende» – Marcel Reich-Ranickis rabiates Urteil über Schillers Jugendstück «Die Räuber» ist sinnigerweise als Video auf der Theaterhomepage aufgeschaltet. Und trotzdem sei es eines der schönsten Stücke überhaupt, meint er. Denn der jugendliche Übermut sei in diesem Stück mit so viel sprachlichem Schwung vorgetragen, dass dieser Sturm-und-Drang-Knaller überlebt habe. Wer Jonas Knechts Inszenierung anschauen will, tut gut daran, sich zuerst dieses Video anzuschauen. Denn der hiesige Schauspielchef akzentuiert die übertriebene theatralische Art, ja das Kitschige des Stücks prägnant und schrill und lässt es ins Ironische kippen. Das mag viele irritieren, die Karl Moor als Rebell gegen die trockene, lebensferne, saftlose «Tintenkleckserei» seiner Zeit in Schule, Wissenschaft, Literatur und im Leben kennen und gerne in ihre Gegenwart projizieren. In Jonas Knechts Inszenierung schrumpft dies leider auf wenige Sätze. Ihm ist der unsympathische Franz die wichtigere Figur. Damit unterläuft er die Publikumserwartung, in Karl Moor einen gebrochenen Idealisten zu sehen, und weist Projektionen auf heutige Konflikte zurück. Vor der Pause ist das sehr vergnüglich und temporeich, dank der feinnervigen bis ruppigen Livemusik (Rammstein lässt grüssen) wird das Stück fast ein Rockmusical. Die Figuren sind plastisch und überdeutlich, die kurzen Hosen markieren die verfeindeten Brüder als grosse Buben, sogar jeder einzelne Räuber bekommt eigenes Profil. Die Konflikte sind fast schon comichaft bebildert.

Grossartig ins Bildhafte umgesetzt

Die Szenerie: zeitlos. Gesellschaftlich patriarchal und feudalistisch. Kaum erhält Vater Moor (Bruno Riedl spielt ihn im Morgenrock als debilen Schwächling) einen fingierten Brief mit unglaubwürdigen Anschuldigungen, schon enterbt er seinen Lieblingssohn (Karl habe hohe Schulden, eine junge Frau verführt, deren Verlobten im Duell ermordet und sei vor dem Gericht geflohen); kaum erhält dieser Karl (Dimitri Stapfer gibt ihn als jugendlichen Draufgänger mit zarter Seele) den Enterbungsbrief, schon lässt er sich zum Räuberhauptmann wählen und brandschatzt ganze Städte. Er fordert nicht sein Recht ein, sondern dreht durch – seine impulsive jugendtypische Radikalität führt ihn letztlich in die Resignation.

Es gibt fabelhafte Szenen an diesem Abend: Wie Hans Jürg Müller als Diener minutenlang zitternd eingeschüchtert entkleidet wird; wie Amalia (im Duo: Anna Blumer und Diana Dengler) und Franz die sexuellen Übergriffe in einen subtilen Tanz transformieren. Topfpflanzen werden als Wald auf die Bühne getragen; ein Glaskubus dient als Schloss, das sich parallel zu Franz’ Albträumen zu drehen beginnt; immer wieder versinken die Räuber im Bühnenboden und Tobias Graup­ner stopft die Karl-Briefe in sich hinein, um symbolisch den überlegenen Bruder zu vertilgen. Das ist bildhaft grossartig umgesetzt. Jessica Cuna schleicht lächelnd kommentierend mit Schillers Vorwort zum Stück um die Szenen. Ein bisschen Brecht’sche Verfremdung und erzählerische Distanzierung: Hier wird Theater begutachtet.

Bei aller Dramatik ist Schillers «Räuber» auch eine ausufernde Reflexion über die menschliche Natur und den wilden Drang nach Freiheit. Seine Sätze knallen auch 230 Jahre nach der Uraufführung heftig von der Bühne. Karl über sich selbst: «Ich bin mein Himmel und meine Hölle», und spöttisch zu seinem Kumpel: «Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?» Franz über seinen Vater: «Der zähe Klumpen Fleisch, der einzig meinen Weg zur Macht versperrt»; dann prahlt Räuber Spiegelberg (Matthias Albold) zynisch mit der Vergewaltigung von Nonnen und lacht über die 83 Toten in einer niedergebrannten Stadt. Von den Schandtaten aber sieht man nichts, die verrohten Reden genügen.

Nach der Pause wird es eine ärgerlich zähe Jammerei

Nach der Pause aber wird der Abend zäh. Die metaphysische Jammerei des intriganten Franz, der die Todesspirale wegen seiner Eifersucht auf den Bruder in Gang setzt und am Ende an seiner eigenen kümmerlichen Boshaftigkeit erstickt, ist langatmig. Das ohnehin schmale Interesse an der Figur verlässt einen komplett. Da nutzt es auch nichts, dass Tobias Graupner sich windet, am Boden wälzt und sich die Faust in den Bauch stemmt, als habe er eine Blinddarmentzündunge. Übertrieben theatral wirft er sich in die Rolle des schleimigen Möchtegernverführers und Möchtegernherrschers, dann in jene des Geistesgestörten. Die dramatische Fallhöhe fehlt, psychologisch hat man den eifersüchtigen Bruder längst verstanden. Es ist ein infantiles Szenario. Jonas Knechts Faszination für Franz lässt einen ratlos. Seine Inszenierung bleibt unentschieden zwischen Ironie, Poesie und Tragik. Hätte Knecht die «Räuber» konsequent als Rockmusical inszeniert, der Abend hätte für ebenso kontroverse Pausengespräche gesorgt, aber man hätte wenigstens eine entschiedenere Handschrift gesehen. Vielleicht hätte Knecht in der Art des zu früh verstorbenen Christoph Schlingensief auf die Bühne stürmen und ins Publikum schreien sollen: «Merkt ihr es endlich? Der Karl ist kein Revolutionär, kein Romantiker, kein Idealist, sondern ein verwöhntes Kind, ein naives, impulsives Arschloch.» Die nach dem Pausengeschimpfe erwarteten einzelnen Buhrufe blieben am Ende aus. Dafür ist das St. Galler Publikum zu brav.

Nächste Vorstellung: Di, 26.9.


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