Ein Ort für modisches Handwerk

Ein Siebdrucker und zwei Modedesignerinnen wollen das Schweizer Textilschaffen stärken und besser vernetzen. Dafür lassen sie in Arbon, wo einst Webstühle gebaut wurden, Models über Drucktische laufen.
12. September 2017, 05:18
Katja Fischer De Santi

Katja Fischer De Santi

katja.fischer

@tagblatt.ch

Allein schon dieser Raum. Diese lang gezogene Halle im alten Saurer Werk mit ihren riesigen Bogenfenstern. Das Licht fällt milchig auf die langen Druckertische. Überall liegen Stoffmuster, lehnen blaue Schablonenfenster. Mitten drin steht Martin Schlegel und überblickt sein etwas chaotisches Reich. Vor eineinhalb Jahren hat Schlegel die letzte textile Handsiebdruckerei in Arbon übernommen. Eine Ahnung vom Textildrucken hatte er damals nicht. Aber genug vom schnelllebigen Fashionzirkus, in dem er sein bisheriges Berufsleben verbracht hatte. Seither hat der 39-jährige St. Galler so manchen Farbtopf angerührt und statt für Grosskunden in aller Welt für heimische Designerinnen Stoffe zu bedrucken begonnen. Zum Beispiel für Sybille Kuhn mit ihrem Label seam fashion design und Gabriela Finger mit haus47.

Die beiden sind schon länger als selbstständige Designerinnen tätig. Ein einsamer Arbeitskampf gegen eine übermächtige Industrie, die pro Jahr sechs neue Kollektionen zu Tiefstpreisen raushaut. Deswegen den Kopf in den Sand stecken ist nicht ihre Art. Lieber vernetzen sie sich, etwa mit Textildrucker Martin Schlegel. Viele Ostschweizer wüssten gar nicht, wie vielfältig und lebendig die hiesige textile Handwerkskunst sei. Selbst unter den Designerinnen finde nur wenig fachlicher Austausch statt. Schon lange träumen Kuhn, Finger und Schlegel deshalb von einem Ort in der Ostschweiz, an dem mode-, textil- und handwerkinteressierte Menschen zusammenkommen. In Städten wie Winterthur oder Zürich gebe es bereits sehr erfolgreiche Messen wie die Designgut oder die Blickfang. «Nur bei uns im Osten fehlt ein Marktplatz für nachhaltige Mode und textiles Handwerk.»

Ein Ort für Designer und ihre Kunden

In einen solchen Ort wollen sie am kommenden Wochenende Martin Schlegels Textildruckerei verwandeln. Wo einst die Firma Saurer Webmaschinen produzierte, sollen Freitag bis Sonntag Models auf den langen Tischen hin und her laufen. Und rund 20 vorwiegende textile Labels einen Designmarkt veranstalten. Bei 3tagewerk soll zusammenkommen, was zusammengehört. «Mode und Handwerk, Kundinnen und Designerinnen», sagt Sybille Kuhn. Die Zahl drei steht für die drei Tage, aber auch für das Dreierteam, welches den Anlass in weniger als einem halben Jahr und mit vollem Risiko auf die Beine gestellt hat. Für die Sponsorensuche waren sie viel zu spät dran. Sie haben es trotzdem geschafft, die professionelle Modeschau (Kosten 20000 Franken) so zu finanzieren, das möglichst viele Labels daran teilnehmen können. Die beiden Designerinnen Kuhn und Finger wissen aus eigener Erfahrung, dass sich kleine Modelabels die Teilnahme an Messen oftmals nicht leisten können. Faire Preise sind ihnen darum ein grosses Anliegen. Jedes Label erhält für einen Unkostenbeitrag sechs Quadratmeter Verkaufsfläche.

Gutes Handwerk ist automatisch nachhaltig

Vorausgesetzt sie entsprechen den Kriterien: «3tagewerk bietet die erste Plattform in der Ostschweiz für qualitätsbewusste, innovative und nachhaltige Schweizer Labels», heisst es in der Ankündigung. Von Zertifikaten halten die Drei nicht viel. Eine transparente Wertschöpfungskette ist ihnen aber wichtig. Man soll jeweils die Handschrift des Designers erkennen können. Gutes Handwerk ist für sie automatisch nachhaltig. Durchdachtes Design, das sich nicht nach dem letzten Modeschrei richtet, authentisch. Wenn alles gut läuft, soll der Anlass jedes Jahr stattfinden. Und zwar hier in diesen Hallen, wo Stoffe schon immer im Mittelpunkt standen.

15.9 bis 17.9 Modeschau (19.33 Uhr) und Designmarkt im Saurer Werk2, Textildruckerei, Arbon www.facebook.com/ 3tagewerk


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