Ein erzkonservativer Pionier

NATURHEILKUNDE ⋅ Ein Roman beleuchtet das Leben und Wirken des legendären St. Galler Kräuterpfarrers Künzle. Es ist eine Geschichte über das Vertrauen in die Natur – aber auch über Neid und Missgunst.
29. Mai 2017, 05:17
Beda Hanimann

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Er ist ein Prüfling der speziellen Art. Mit weissem Bart stellt er sich im Churer Regierungsge­bäude den Experten. Einem Re­gierungsrat, einem Chemiker, einem Botaniker, einem Arzt. Er irritiert das Gremium mit der Frage, ob er auf Griechisch oder Lateinisch antworten solle, er duzt die Experten und entgegnet auch einmal salopp: «Das weisst du doch selber.» Ein spezieller Prüfling, in drei Monaten wird er seinen 65. Geburtstag feiern.

Es ist auch eine spezielle Prüfung, die an diesem 10. Juli 1922 stattfindet. Johann Künzle hat zu beweisen, dass er befähigt ist für das, was er seit Jahrzehnten mit grösstem Erfolg tut. Nachdem er als Kräuterpfarrer international Aufsehen erregt hat und mit dem Büchlein «Chrut und Uchrut» zum Bestsellerautor geworden ist, hat ihm der Kanton Graubünden, in den er aus dem Sanktgallischen gezügelt ist, die weitere Ausübung der giftfreien Kräuterheilmethode untersagt. Erst dank einer Volksinitiative zeichnet sich eine Lösung ab, Künzle soll sein Wissen offiziell beweisen.

Nicht nur der Seele, auch dem Leib helfen

Mit der Prüfung endet der Roman «Uns Menschen in den Weg gestreut» der Bernerin Marianne Künzle über ihren berühmten Namensvetter. In ihrer Familie sei man aufgrund des gemeinsamen Bürgerortes Gossau von einer verwandtschaftlichen Beziehung ausgegangen, was sich nach Recherchen aber nicht bestätigt habe, wie die 44-Jährige sagt. An ihrer Faszination für den Kräuterpfarrer änderte das nichts: «Bei der Beschäftigung mit diesem Mann, der einen starken Willen hatte und unbeirrt seinen Weg gegangen ist, hat es mir den Ärmel reingenommen.» Seine Liebe zur Natur habe sich ausserdem mit ihren Interessen getroffen.

Johann Künzle kam 1857 in St. Gallen in bescheidenen Verhältnissen zur Welt. Er studierte im belgischen Löwen Theologie und Philosophie, das Studium ­finanzierte er sich mit Klavierunterricht und als Zeitungskor­respondent. Ab 1881 war er in den Landpfarreien Gommiswald, Mels, Kirchberg, Libingen und Amden tätig. Diese Jahre wiesen den Weg für die Beschäftigung mit der Kräuterheilkunde. Oft habe er keine andere Wahl gehabt, als bei Krankheiten heilend einzugreifen, weil in den abgelegenen Gegenden kein Arzt zu finden war, sagt Marianne Künzle. Für den Pfarrer ergab sich so eine Art Lebensmotto: Entweder ich helfe, oder die Leute sterben. Ein anderes Künzle-Motto zitiert die Autorin am Beginn ihres Buches in schönstem St. Galler Dialekt: «I bi halt dör d Seelsorg zur Chrütermedizin cho, denn i ha denkt, me sött au em Lib hälfe, nöd grad de Seel.»

1909 übernahm Künzle nach weiteren Stationen die Pfarrerstelle in Wangs im Sarganserland. Nebenbei schrieb er im «Sar­ganserländer» Kolumnen über die Heilwirkung von Augentrost, Brennnessel, Huflattich, Schafgarbe oder Spitzwegerich, die er 1911 als Broschüre mit dem Titel «Chrut und Uchrut» herausgab. Künzle vermittelte den Kindern des Dorfes sein Pflanzenwissen und animierte sie zum Kräutersammeln. Bald öffnete in Wangs ein Kurhaus, das Bäder auf der Basis von Künzles Naturheilkunde anbot und auch Kurgäste aus dem Ausland anzog. 1914 organisierte Künzle einen Kräutermarkt, der über die Region hinaus auf Beachtung stiess. Einen schlagenden Beweis für den ­Segen seiner Kräuterheilkunde lieferte die Grippeepidemie von 1918. Während sie in der ganzen Schweiz 25000 Todesopfer forderte, hatte das Kräuterdorf keinen einzigen Grippetoten zu beklagen.

Aber nicht alle sahen Künzles Wirken mit Wohlwollen. Ärzte nahmen ihn als Konkurrenten wahr und bezichtigten ihn der Kurpfuscherei, Bauern kritisierten ihn wegen Kräuterraubbaus, die kirchlichen Behörden versuchten, ihn von seiner heilerischen Tätigkeit abzubringen, in Leserbriefen wurde gegiftelt. Dieser Anfeindungen müde geworden, bat Künzle den Bischof, die Pfarrei Wangs verlassen zu dürfen. Er zog 1920 nach Zizers und gab die seelsorgerische Tätigkeit auf. 1939 gründete er mit seiner Nichte die Kräuterpfarrer Künzle AG, deren Erbe heute die Ars Vitae im Baselbieter Jura weiterpflegt. Künzle starb 1945.

Kulturkampf und Fortschritte der Medizin

In ihrem Buch fokussiert Marianne Künzle auf die Wangser Jahre. «Das war die spannende Zeit, in der sein Ruf als Kräuterpfarrer begründet wurde», sagt sie. In St. Galler und Bündner Archiven fand sie reichlich Material, aus­serdem sprach sie mit Menschen, die Künzle noch gekannt hatten. So wurde das Buch auch zum eindrücklichen Zeitdokument, in dem der Kulturkampf ebenso spürbar wird wie die Fortschritte in der Medizin – mitsamt der Gegenbewegung zurück zum alten Kräuterwissen. «Künzle traf mit seinem Wirken auch den Nerv der Zeit», sagt die Autorin.

Spürbar wird durch Marianne Künzles sorgfältigen Zugriff aber auch der ambivalente Charakter des Kräuterpfarrers. Er war erzkonservativ, der ganzheitliche Ansatz seines Wirkens aber war gleichzeitig modern – und ist noch heute beispielhaft. Und Künzle lebte vor, was er predigte. Obwohl mit seinen Publikationen reich geworden, führte er ein einfaches, naturnahes Leben. «Ein Mann, der seine Vision durchgezogen hat», sagt die Autorin.

Marianne Künzle: Uns Menschen in den Weg gestreut, Zytglogge-Verlag 2017, 351 S., Fr. 37.90


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