Der Traum vom Ende der Welt

PERFORMANCE ⋅ Was kann in einer Stunde auf Erden nicht alles geschehen? Dieser Frage geht die St. Galler Kompanie Rotes Velo in ihrer neuen Produktion nach, die das Ende der Welt thematisiert. Was düster klingt, soll hoffnungsvoll enden.
14. Dezember 2017, 05:21
Julia Nehmiz

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@tagblatt.ch

Der Boden ist mit Worten bedeckt. Drei Frauen, begraben unter herausgerissenen Buchseiten. Ein Radio rauscht, Musikfetzen wehen herüber. Eine Frau erwacht, entsteigt dem Wörtergrab, erkundet sich, die Umgebung, das, was noch übrig ist. Ein treibender Rhythmus setzt ein, steigert sich in aufpeitschende Musiklawinen. Die Untoten erwachen, zitternd, ruhelos, getrieben.

Es geht um nichts weniger als das Ende der Welt. Das Ende der Menschheit. Und was dann? Die Kompanie Rotes Velo geht in der neuen Produktion diesem Gedankenspiel nach. «Eine Stunde auf Erden», der Titel gibt die Richtung vor. Was kann in einer Stunde alles passieren? Was geschieht, wenn man das Ende der Menschheit reflektiert? Die sechs Performer erkunden dies, tänzerisch, sprachlich, musikalisch.

Eine ergreifende Angstkaskade

Es ist die zweite Staffel des grossen Performance-Projekts «Ich bin... Punk?». Bislang hat Rotes Velo bereits vier abendfüllende Projekte dazu kreiert. Mit «Eine Stunde auf Erden» geht die Truppe nun auch auf Tournee. Nach der Premiere folgt eine zweite Vorstellung in der St. Galler Grabenhalle, dann tritt Rotes Velo in Hof zu Wil auf. Im Januar folgen Auftritte in Bern, Herisau, Luzern, Frauenfeld und Amriswil.

Rotes Velo hat sich von der reinen Tanzkompanie gewandelt hin zu einer Truppe, die sich sämtlicher Sparten bedient: Tanz, Bewegung, Sprache, Musik. Tänzerinnen, Musiker, Performer und Schauspielerinnen erschaffen so eine ganz eigene Art von Theater, die sich gängigen Begrifflichkeiten verweigert. Seit fünf Jahren erforscht Rotes Velo, wie Gesellschaft funktioniert, was das Zusammenleben ausmacht. Mit «Eine Stunde auf Erden» geht die Kompanie einen Schritt weiter.

Denn: «Es ist eigentlich unmöglich, über das Ende der Welt zu reflektieren», sagt Emilio Díaz Abregú, der den Abend künstlerisch leitet. «Es ist ein Versuch, von der Erfahrung zu lernen, die es nicht gibt.»

Emotional wird es allemal. Schauspielerin Boglárka Horváth, die zehn Jahre am Theater St. Gallen spielte, steht im roten Kleid hinterm Mikrofon: «Ich habe Angst.» Vor Schlangen, Wespen, Nadeln, Dunkelheit, Höhe, Krieg, Terrorismus. Ihre Angstkaskade ergreift, jeder wird sich in den irrationalen und realen Ängsten wiederfinden. Und wie zum Trost kontert Musiker Raoul Nagel mit der heilenden Kraft der Sprache.

Zuschauer und Freunde begleiteten die Proben

Emilio Díaz Abregú betont, dass es eine Gemeinschaftsarbeit sei, alle Mitwirkenden bringen sich persönlich ein. Und sein alter Freund und langjähriger Theaterpartner Exequiel Barreras hat «Eine Stunde auf Erden» künstlerisch begleitet. Zudem hat die Truppe Zuschauer und Freunde gebeten, den Probenprozess zu begleiten. «Es gibt uns die Chance, Rückmeldungen von einer anderen Generation zu erhalten.»

Auch wenn das Stück Ängste thematisiert, so sei es doch voller Hoffnung, sagt Emilio Díaz Abregú. «Es ist, wie wenn man nach einem Albtraum erwacht mit dem Impuls, etwas zu ändern.»

«Eine Stunde auf Erden», Premiere heute 20.30 Uhr, Grabenhalle St. Gallen; weitere Termine unter www.rotesvelo.ch


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