Brüder im Geiste und ihr Filmprojekt

BREGENZ ⋅ Im Rahmen der Ausstellung von Peter Zumthor im Kunsthaus lädt der Architekt befreundete Kunstschaffende zu Gesprächen ein. Einen grossen Publikumsansturm gab es zu Wim Wenders, mit dem ihn viel verbindet.
14. November 2017, 07:58
Andreas Stock

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

Er scheint es selbst kaum zu glauben. Wim Wenders blickt ins vollbesetzte Parterre des Kunsthauses und schüttelt kurz den Kopf. «Wir hatten uns diese Gespräche in einer Clubatmosphäre mit 50 bis 60 Interessierten vorgestellt», sagt Peter Zumthor einleitend. Er lädt im Rahmen seiner Ausstellung im Kunsthaus Bregenz befreundete Künstlerinnen und Künstler ein; diese Veranstaltungen stossen auf reges Interesse. Doch am Sonntagmorgen sind sogar 700 Personen gekommen, weshalb das einstündige Gespräch per Video und Leinwand zusätzlich in den zweiten Stock übertragen wird.

Die Unterhaltung zwischen dem deutschen Filmregisseur und dem Schweizer Architekten versprach, lohnend zu sein – und ist es auch. Denn ihre unterschiedlichen Künste haben Verwandtschaften, beispielsweise,was das Licht, Räume und das Verhältnis des Menschen zum Raum betrifft.

Gemeinsamer Film in 3D und Schwarzweiss

Während ihres Gesprächs sind diese Gemeinsamkeiten auch ein Thema. Zumthor spricht davon, dass an Orten Geschichte gespeichert sind. Für Wenders sind Orte – er mag vor allem Wüsten- und Hafenstädte – oftmals Ausgangspunkt seiner Filme. «Manche Geschichten können sich nur an einem ganz bestimmten Ort abspielen», sagt er. Natürlich kommen sie ausführlich auf «Der Himmel über Berlin» zu sprechen. Jenen Schwarzweissfilm über Engel in Berlin, den Wenders vor 30 Jahren in der geteilten Stadt gedreht hatte. Sie seien «Brüder im Geiste», sagt der Filmemacher und erzählt, dass sie seit zehn Jahren daran denken, einen Film zu drehen. Das Publikum wird nun Zeuge davon, wie sie sich über dieses geplante Projekt austauschen. Denn Wenders möchte den Film über Zumthors Bauten in 3D drehen, weil er das als eine «Notwendigkeit» betrachtet. Der Architekt stellt sich den Film in Schwarzweiss vor, weil das «eine gewisse Abstraktion erlaubt». Per Handschlag willigt Wenders ein: «3D und Schwarzweiss, das wurde glaube ich noch nie gemacht.» Wenders hat in den letzten Jahren mehrmals in 3D gedreht, am bekanntesten ist sein Tanzfilm über Pina Bausch. «Ich kenne deine Bauten aus Büchern und von Fotos», sagt er zu Zumthor, «aber im Moment, indem man in eines deiner Gebäude tritt, ist es, als hätte ich diese Architektur vorher noch nie gesehen. Diese Erfahrung möchte ich dem Kinopublikum vermitteln.» Die Dinge seien in 3D präsenter, argumentiert Wenders: «Die Distanz, die zwischen dem Kinostuhl und der Leinwand liegt, wird mit 3D aufgehoben.»

Nur investierte Liebe schafft Bleibendes

Dass Zumthor eine Affinität zum Kino hat, zeigt sich in einer überraschenden Aussage: «In Filmen habe ich am meisten über Architektur gelernt.» Seine Schlussfrage an Wim Wenders, wo er denn nach 50 Jahren als Filmemacher heute stehe, führt den Regisseur fast an den Anfang ihres Gesprächs zurück, das auf Augenhöhe stattfindet. Da ging es um den liebevollen Blick der Kamera in «Der Himmel über Berlin». Er habe damals gelernt, dass es den liebevollen Blick aller am Film Beteiligten brauche. «Das, was man in einen Film investiert, das kommt auch dabei heraus.» Es habe mit Haltung zu tun. Eine Haltung sei eigentlich unsichtbar, «aber im Film wird sie sichtbar gemacht». Bestand hätten darum auch jene seiner Filme, in die er etwas investiert habe, was man mit Liebe bezeichnen könne. Doch dann ist die Stunde leider bereits vorbei; unter langem Applaus umarmen sich die beiden Künstler, gehen von der Bühne und gönnen sich an der Museumsbar einen Kaffee.


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