«Blade Runner 2049»: Kaputte Zukunft, frisch aufgemöbelt

FILMBESPRECHUNG ⋅ Regisseur Dennis Villeneuve hat mit «Blade Runner 2049» einen grossartigen Science-Fiction-Film gedreht. Eine würdige Fortschreibung des Kultfilms aus dem Jahr 1982. Doch: Kann der Nachfolger die immensen Erwartungen der Zuschauer erfüllen?
03. Oktober 2017, 14:40
Andreas Stock
Statt Nacht ist es heller Tag und blendend weiss. Die Fahrt in einem fliegenden Auto führt diesmal über gigantische, hell schimmernde Sonnenkollektoren-Farmen und über schier unendlich wirkende Treibhaus-Plantagen. Selbstbewusster, radikaler, lässt sich ein Kontrast zu den ersten Bildern des mächtigen Vorgängers nicht formulieren. Zugleich ist man damit angekommen im Los Angeles im Jahr 2049 – 30 Jahre nach «Blade Runner».

Es gibt mittlerweile neue, besser konstruierte Androiden. Einige dienen immer noch als Blade Runner; darauf angesetzt, alte, flüchtige Replikanten-Modelle zu eliminieren. Aus einem weissen Staubnebel erscheint dann Polizist K. in einem grünen Ledermantel, verkörpert von Ryan Gosling.
35 Jahre hat es real bis zu diesem Moment gedauert. Darüber muss man sich nicht wundern. Regisseur Ridley Scott wusste nur zu gut, dass sich sein «Blade Runner» nicht einfach wiederholen lässt. Nun kehren wir doch zurück in diese düstere Welt der Zukunft. Scott ist als Produzent mit an Bord, die Regie hat er Denise Villeneuve überlassen.
 

«Blade Runner 2049» pocht auf ein Eigenleben

Der französisch-kanadische Regisseur, der mit «Prisoners», «Sicario» und «Arrival» drei herausragende Filme drehte, schafft das Kunststück: Er lässt sich vom schieren Übergewicht des Vorgängers nicht erdrücken, sondern er nutzt «Blade Runner» als Fundament, um darauf ein neues, spektakuläres Werk zu errichten. Dieses besitzt das gleiche Erbgut, man erkennt die Ähnlichkeit und die Verweise. Aber «Blade Runner 2049» pocht auf ein Eigenleben – und ist wohl verständlich ohne Vorkenntnisse.

Freilich, den Kultfilm weiter zu erzählen ist nicht möglich, ohne jene Ästhetik fortzuführen, die ihn stilbildend machte. Villeneuve und seinem Produktionsdesigner Dennis Gassner gelingt es, die kaputte Zukunft sozusagen frisch und nostalgisch aufzumöblen. Es gibt spektakuläre Schauplätze, darunter die Räume, aus denen der mächtige Niander Wallace (Jared Leto) sein Imperium führt. Im Gegensatz zur Figur des Bösewichts, die zu den wenigen Schwächen gehört, ist die Architektur nämlich beeindruckend. Oder die Abfalldeponie in San Diego, wo K. mit seinem Auto abgeschossen wird.

Und dann ist da vor allem Kamerameister Roger Deakins, bereits 13-fach Oscar-nominiert, der hier einen weiteren Meilenstein seiner Karriere vorlegt. Die  begeisternden, epischen Bilder atmen die Poesie und Melancholie des Vorgängers, sind in der teils verdüsterten Nostalgie noch desillusionierender. Am erstaunlichsten ist, wie Villeneuve das Andante-Tempo des Vorgängers über weite Strecken beibehält, unterstrichen durch eine dräuende, elektronische Filmmusik. Nur wenige Szenen legen an Fahrt zu, kurz steigert sich der Rhythmus zum stampfenden Soundtrack.
 

Die Tessinerin Carla Juri als Traumdesignern

Eine der schönsten, bizarrsten Momente ist eine Liebesszene zwischen K und seiner erstaunlich empathischen Freundin Joi (Ana de Armas), die nur ein Hologramm ist. Zwei andere Frauenrollen sind zupackend-realer: Robin Wright und besonders die Holländerin Sylvia Hoeks als Luv, die skrupellose rechte Hand von Wallace. Und dann ist da noch «unsere» Schweizerin Carla Juri. Sie hat als Traum- und Erinnerungsdesignerin zwar einen eher kurzen, dafür jedoch umso bemerkenswerteren Auftritt, über den man noch reden wird. Villeneuve knüpft nicht nur hier bei den philosophischen Fragen des Vorgängers an: Was macht den Menschen aus? Lassen sich Erinnerungen fälschen? Und sind manche Replikanten gar menschlicher als Menschen?

Und Ryan Gosling? Er verbindet die Attribute eines unbestechlichen Hardboiled-Detektivs mit der Coolness seiner Rolle in «Drive». Bei Harrison Ford ist es allein schon ein Vergnügen, ihn nochmals als Rick Deckard sehen zu dürfen. Das humorfreie Drehbuch legt ihm ein, zwei trockene Bemerkungen in den Mund. Viel falsch machen kann Ford nicht. Falsch gemacht hat Denis Villeneuve ebenso wenig. Sein «Blade Runner 2049» ist ein grossartiger Science-Fiction-Film, ein würdiger Nachfolger. Ein Schlüsselfilm des Genres, wie sein Vorgänger, kann er in der Rolle eines Sequels freilich gar nicht werden.

Ab Donnerstag in den Kinos
 

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