Besessener Dämon und beseelter Erlöser

NICK CAVE IN ZÜRICH ⋅ Nick Cave & The Bad Seeds spielten im Hallenstadion in Zürich ein grossartiges Konzert. Schmerz und Wucht sind eine tragisch-geniale Mischung.
13. November 2017, 14:55
Michael Graber
«Nothing really matters, when the one you love is gone», singt Nick Cave im grandiosen «I Need You». Er steht da, seine Stimme stockt, und man kann den Schmerz bis in die hinterste Reihe spüren. Cave singt dieses Lied nicht für uns. Er singt es für Arthur. Seinen Sohn, der 2015 im Drogenrausch von einer Klippe zu Tode stürzte.

Was Cave im Hallenstadion macht, ist ein bisschen kollektive Trauerarbeit. Cave spielt praktisch alle Songs der letzten Platte «Skeleton Tree», die in der Zeit des traurigen Ereignisses entstanden ist. Er leidet. Mit sich. Mit uns. Für sich. Für uns. Vor «I Need You» spielt er das tragisch-tolle «Girl In Amber», und trotz etwas zu brummigem Synthie findet es seinen Weg direkt in die Seelen der Zuhörer. Schöner war Leiden selten. Es sind wunderschöne Songs und trotzdem wünscht man Nick Cave, dass er sie nie hätte schreiben und singen müssen.
 

Jedes Lied ein Steigerungslauf

Alles an diesem Sonntagabend hat Kraft. Wenn Cave und seine Bad Seeds ruhig werden, oder wenn die Band unter der Leitung von Warren Ellis die Lautstärke an die Schmerzgrenze schiebt. Es bleibt dabei stets unfassbar präzis, und selbst in einzelnen Schlägen liegt oft eine gigantische Wucht. «From Her To Eternity» ufert in ein regelrechtes Krachfeuerwerk aus, aber kein Ton verfehlt seine Wirkung. Während Cave den Besessenen gibt und sich dabei auch mal in Rage schreit, zupft und zirpt Ellis an seiner Geige rum und sieht dabei aus wie der Belzebub höchstpersönlich. Dazu wummert und wuchert der Rest der sechsköpfigen Band. Die Effekte und die Show werden minimal gehalten. Die Musik reicht komplett aus: Jedes Lied ist ein kleiner Dramatik-Steigerungslauf.
 
Die grosse Kunst bei so viel Pathos, wie ihn Cave verschüttet, ist, es nie kippen zu lassen. Nicht kitschig zu werden. Und das ist vielleicht das Grösste an diesem grossen Konzert: Es klappt. Nur als bei «Distant Sky» Sängerin Elsa Torp überlebensgross per Videoeinspieler aufscheint, steht der Auftritt auf einem sehr schmalen Grat. Aber selbst das klappt gut. Irgendwie. Und dann folgt ein grossartiges «Skeleton Tree». «Nothing is for free», singt der 60-Jährige darin immer wieder, um am Schluss dann in ein «And it’s allright now» zu münden. Erst mit Cave, dann nur noch die Bad Seeds auf der Bühne. Das ist sensationell. Das geht bis an die Knochen. Vielleicht sogar noch ein bisschen weiter. Schlicht und ergreifend ergreifend.
 

Vom besessenen Dämon zum beseelten Erlöser

Schon zuvor hat Nick Cave, dieser angeblich so unnahbare Mensch, immer wieder den Kontakt mit dem Publikum gesucht. Er schüttelt Hände, lässt sich ans Herz fassen und tanzt von einer Bühnenseite zur anderen. Im Zugabenblock setzte er noch einen drauf. Erst singt er inmitten des Publikums auf einem Podest den «Weeping Song», um danach eine Hundertschaft seiner Jünger auf die Bühne zu holen. Eigentlich war dies komplett unnötig und vielleicht etwas too much, aber als sie dann zusammen «Push The Sky Away» singen und dabei versuchen, den Himmel zumindest ein kleines bisschen wegzuschieben, wirkt selbst das wieder richtig so.
 
Cave, längst vom besessenen Dämon zum beseelten Erlöser verwandelt, nimmt die Leute an den Händen und wirkt da tatsächlich wie ein Hohepriester, als der er immer wieder beschrieben wird. Aus dem eigentlich völlig schmucklosen Hallenstadion, das sonst eher Kommerz als Kunst eine Heimat gibt, ist ein Ort voller Würde und Wärme geworden. «Some people say it’s just rock ’n’ roll. But it gets you right down to your soul», singt Cave im letzten Stück selber. Besser kann man es nicht sagen. Besser kann ein Konzert kaum sein.

Leserkommentare

Anzeige: