Berührt von den Dingen

THEATER ST. ⋅ Gallen In sanfte Sepiatöne getaucht erscheint Puccinis Oper «La bohème» in der Produktion von Renaud Doucet und André Barbe – nostalgisch, aber quicklebendig.
23. Oktober 2017, 07:54
Bettina Kugler
Die Postkarte, die aus einer der Kisten vom im Prolog zu sehenden Flohmarkt stammen könnte, trägt den Stempel «Paris 1925». Das ist weder die Zeit der «Scènes de la vie de bohème» von Henry Murger, die Puccini als literarische Vorlage seiner Oper dienten, noch die der Uraufführung von «La bohème» kurz vor der Jahrhundertwende, sondern präzis das Jahr, in welchem die amerikanische Tänzerin Josephine Baker das Pariser Publikum mit dem Auftritt in der Show «La revue nègre» um den Finger wickelte. Ungefähr so, wie es Jeanine de Bique als Musetta im zweiten Bild der Inszenierung von Renaud Doucet und André Barbe mit Marcello macht – und mit all den Schaulustigen im Gedränge vor dem Café Momus.

Sorgfältig einstudierte Wimmelbilder

Umwerfend aufreizend und temperamentvoll spielt Jeanine de Bique den Star des Abends. Es darf in dieser quirligen Szene ruhig etwas dicker aufgetragen werden, denn André Barbe hat die Bühne ziemlich vollgestellt mit Fassaden und Ladeneingängen, mit Bistrotischen, Stühlen, Karussellpferdchen und Kisten. Chorvolk und Solisten, die hier zusammenkommen (neben dem Opernchor und dem Chor des Theaters St. Gallen unter der Leitung von Michael Vogel auch der springlebendig agierende, von Terhi Lampi vorbereitete Kinderchor), sauber aneinander vorbeizubringen respektive in eine Fülle kleiner Aktionen zu verwickeln, ist eine Herausforderung. Sie glückt dank der sorgfältigen szenischen Arbeit von Peter Lorenz, sehr zum Vergnügen des Publikums. Es kann sich in diesen gut zwanzig Minuten visuell in den bunten Trubel stürzen, während ein paar Schritte vom Theater entfernt der Olma-Jahrmarkt lärmt.

Jedes Detail, jedes Ding hat hier seine Geschichte, öffnet im Hier und Jetzt ein Schlupfloch in nur scheinbar vergangene Zeiten. Das ist die Grundidee der von Guy Simard stimmungsvoll ausgeleuchteten, in nostalgische Sepiatöne getauchten Inszenierung, einer Koproduktion mit der Scottish Opera, die in anderer Besetzung bereits im Mai in Glasgow Premiere hatte. Als Gäste sind die fulminante Jeanine de Bique und David Stout in der Rolle des Malers Marcello auch in St. Gallen mit von der Partie.

Die Künstlerromanze als Fundstück vom Trödler

Beide überzeugen mit grosser darstellerischer Präsenz: Musetta als exotische Diva, Marcello als aufbrausender, immer zu Blödeleien aufgelegter Künstlerkumpan. Mit dem empfindsamen Rodolfo (Leonardo Capalbo), mit Frohnatur Schaunard (flink und gewitzt ein Fall für David Maze) und dem von Tomislav Lucic melancholisch getönten Colline bildet Stout ein komödiantisches Quartett. Paolo Medeiros gehört als Vermieter Benoît und abservierter Verehrer Musettas zwar nicht zum Club, er singt und spielt aber unverdrossen witzig.

Überhaupt kostet das Regieteam die spritzigen, humorvollen Szenen des Librettos weidlich aus, nicht nur im Wimmelbild des Weihnachtsmarktes. Dem entspricht, was unter der musikalischen Leitung von Hermes Helf­richt aus dem Orchestergraben zu hören ist: frische, zupackende Tempi, klar gezeichnete Details und ein reiches Spektrum an Farben. Stellenweise jedoch spielt das Sinfonieorchester St. Gallen etwas zu laut und vordergründig. Umso berührender wirkt die fragile Klanglichkeit im Schlussbild, wenn Mimi stirbt und wie ein Engel spurlos verschwindet.

Schon der Prolog mit Strassenmusik (Akkordeon: Raphael Brunner) lässt einen Hauch von Sentimentalität aufkommen. Während Kinder von Paris-Touristen Selfies machen und den alten Trödel befingern, lässt sich eine krebskranke junge Frau von den Dingen berühren. Ein Grammofon spielt «La bohème»; die Frau gleitet in die Zeit der nostalgischen Postkartenansichten und in die Rolle Mimìs. Ein Kniff, der die Vintage-Optik der üppig ausgestatteten, dabei aber schlüssig und spielfreudig umgesetzten Inszenierung clever legitimiert.

An der Seite von Leonardo Capalbo als Rodolfo blüht Sophia Brommer als Mimì im Laufe des Abends auf. Sie gestaltet ihr Rollendebüt mit zerbrechlicher Emotionalität und schön tim­briertem Sopran. Capalbo verzichtet auf tenorale Kraftmeierei; er zeichnet Rodolfo als Dichter voller romantischer Ideen im Kopf, mit müheloser, weicher Höhe. Das Premierenpublikum liess sich davon so berühren und mitziehen, als gehe es nicht um die wohl meistgespielte Oper. Die Dinge beginnen hier zu klingen, und Musetta singt noch heute: auf dem Flohmarkt von Paris.


Leserkommentare

Anzeige: