Aufgepumpte Vaterängste

FILMFESTIVAL ⋅ Väter und ihre Sorgen prägen die Filme am Festival Locarno. Das gilt auch für «Goliath», den Schweizer Beitrag. Regisseur Dominik Locher beleuchtet die Verunsicherung eines jungen Mannes.
08. August 2017, 05:17
Andreas Stock

Andreas Stock

Der Knacks sitzt tief. Der schmächtige David ist mit seiner schwangeren Freundin Jessica im Zug attackiert worden. Nun steht er mit gebrochener und bandagierter Nase vor dem Spiegel. Die Demütigung, seiner Beschützerrolle nicht gerecht geworden zu sein, legt einen Schalter um beim jungen Mann. Er beginnt Steroide zu spritzen und intensiv Krafttraining zu machen. Doch nicht nur sein Körper verändert sich, auch sonst wird aus dem zuvor ruhigen David einer, der sich schnell reizen lässt, aufbrausend und aggressiv reagiert.

Mit «Goliath» hatte am Montag Dominik Locher seine Premiere im Internationalen Wettbewerb. Als einziger Schweizer Regisseur im Rennen um den Goldenen Leoparden lastet eine entsprechende Erwartungshaltung auf dem 35-jährigen Aargauer Filmemacher, der zuvor mit der Komödie «Tempo Girl» aufgefallen ist. Ob es in Locarno für einen Preis reichen wird, ist noch schwer abzuschätzen, zu den Favoriten auf einen der Hauptpreise gehört «Goliath» jedoch nicht.

Zu muskulös für fragile Psychologie

Locher inszeniert durchaus mit Dringlichkeit und Kraft. Aber wie sein überzeugender Hauptdarsteller Sven Schelker wirken manche der knapp skizzierten Szenen etwas aufgepumpt, oder anders gesagt: Er ist zu muskulös inszeniert, dafür dass es im Kern neben dem Anabolikaproblem um ein fragiles psychologisches, inneres Drama geht. Darum, dass der junge David zwar stolz darauf ist, Papa zu werden, vor allem aber verunsichert ist und Angst davor hat, der Verantwortung nicht gerecht zu werden. Schelker macht das eindrücklich deutlich. Er lässt spüren, wie überrascht David selbst stets ist, wenn er wieder viel zu impulsiv reagiert. Aber darüber hinaus entwickelt David einen schwer nachvollziehbaren, egozentrischen Blick. Seine Scheuklappen lassen ihn völlig vergessen, nach den Wünschen und Vorstellungen seiner Freundin Jessica (Jasna Fritzi Bauer) zu fragen.

Autobiografisch inspiriert

«Ich war selber verunsichert, als meine Frau das erste Mal schwanger war», erklärt Regisseur Dominik Locher den Ursprung der Filmgeschichte an der Pressekonferenz nach dem Film. Er habe damals ebenfalls angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen – «natürlich nicht so obsessiv wie David». Der Regisseur und mittlerweile zweifache Vater versteht seinen Film auch als Kritik auf eine Leistungsgesellschaft, die danach verlange, dass man über seinen Körper und sein Aussehen definiert werde und man sich in allem ständig verbessern müsse, wie er betont. Damit bürdet er seinem uneinheitlichen Film allerdings etwas viel auf. Denn erzählt wird vor allem, wie schlimm Anabolika sein können – und dass eine Schwangerschaft sehr belastend für ein junges Beziehungsgefüge sein kann. Das hatte der Schweizer Film «Keeper» vor zwei Jahren allerdings überzeugender erzählt.

Der Film kommt Ende November in die Schweizer Kinos.


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